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WWW .A KTE H UND . COM AKTE Fachzeitung im Bereich der Hundeerziehung H UND H UNDEERZIEHUNG Die gute Welpengruppe 3 Zuviel Beschäftigung 8 Kontakthalten fördern 24 Mantrailing 28 Soziales Lernen 31 Zusammenarbeit mit führenden Experten Faszination Hundeausbildung

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IMPRESSUM AkteHund erscheint 10-mal jährlich. Auflage: 13'000 Exemplare Bezugspreis: CHF 59.-/Euro 45.-, erhältlich im Jahresabonnement und in D,AUT und in der CH am Kiosk. Erscheinungsdaten 2010 unter www.aktehund.ch (Inserate) Verlag, Redaktion,Abonnements AkteHund ­ Kitty Simione Sonnengutstrasse 12 CH-8363 Bichelsee Telefon- und Faxnummer: 0041 71 971 34 44 aktehund@bluewin.ch www.aktehund.ch Druck St. Galler Tagblatt AG Fürstenlandstrasse 122 Postfach 2362 CH-9001 St. Gallen Telefon-Nr.: 0041 71 272 78 88 Telefax-Nr.: 0041 71 272 75 29 Marketing,Werbung und PR PRessePRojekte Gaby Günther An der Burg 1 D-79843 Löffingen Telefon-Nr.: 0049 (0)7654 806121 Mobil: 0049 (0)173 52 77 330 info@presseprojekte.de www.PRessePRojekte.de Vertrieb Deutschland & Österreich SI special interest Pressevertrieb GmbH Nordendstrasse 2 D-64546 Mörfelden-Walldorf Telefon-Nr.: 0049 (0)6105 975060 www.special-interest.com Zielpublikum Alle Hundehalter im deutschsprachigen Europa, die sich verantwortungsvoll mit der Erziehung des Hundes auseinandersetzen. Diese Ausgabe entstand in Zusammenarbeit mit: · ADAM MIKLOSI · ANTON FICHTLMEIER · CANIS-ZENTRUM FÜR KYNOLOGIE · HUNDEAKADEMIE.DE · HUNDEZENTRUM BAUMANN GMBH · NATURAL DOGMANSHIP® · TEAMCANIN · SUCHHUNDEZENTRUM.DE ©Copyright AkteHund, CH-8363 Bichelsee Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Bewilligung der Redaktion und unter vollständiger Quellenangabe gestattet. Für unaufgefordert eingesandtes Text- oder Bildmaterial übernimmt die Redaktion keine Verantwortung. Manuskripte unterliegen der redaktionellen Bearbeitung. 2 · AkteHund Demoversion AKTE Liebe Leserin, lieber Leser, herzlich willkommen! HUND und präsentieren das E-Paper der AkteHund in höchster Qualität. Ich bin erstaunt und begeistert! Mit so einer einfachen Lösung hätte ich niemals gerechnet und es freut mich, diesen weiteren Entwicklungsschritt nun mit dieser Ausgabe realisieren zu können. Ich selbst muss gestehen, dass ich nach wie vor die Druckvariante bevorzuge, doch ich kann mir durchaus vorstellen, dass in der heutigen Zeit moderner Kommunikationsformen das Angebot einer OnlineZeitung viele Anhänger findet. Überzeugen auch Sie sich von dieser Möglichkeit. Eine Testversion ist ersichtlich unter www.dogspot.de/aktehund. Tatsächlich bietet eine Zeitung im Internet ja auch gewisse Vorteile. Sie ist schneller verfügbar, weil Druck und Transport wegfallen und sie steht dem Leser jederzeit zur Verfügung, unabhängig von Ort und Zeit. Und nicht zuletzt hat das Internet den bedeutenden Vorteil, dass es eine viel grössere Reichweite als die gedruckte Zeitung garantieren kann. Ich bin gespannt. Mit lieben Grüssen Kitty Simione Manchmal genügt allein ein Gedanke und das Leben ebnet den Weg! Die Idee,die AkteHund auch in einer Online-Version anzubieten, geistert schon lange in meinem Kopf herum. Mein mangelndes Flair für Technik lässt mich die Realisierung aber immer aufschieben. Dann kommt der Anruf ­ ganz unerwartet. Die Betreiber der Internet-Plattform dogSpot.de offerieren mir, meine Zeitung in ihr Portal einzubinden. Was für ein toller Gedanke! Die Jungs sind technisch top ausgebildet Inhaltsverzeichnis Zeit sinnvoll nutzen 3 Canis - Zentrum für Kynologie Die gute Welpengruppe Zuviel Beschäftigung 8 Hundeakademie.de Erstgespräch und erstes Training ZOS - Die Zielobjektsuche 12 Hundezentrum Baumann GmbH Eine sinnvolle Beschäftigung Zusammenleben und Bindung 15 Adam Miklosi Verhaltensforschung bei Mensch und Hund Faszination des Augenblicks Momentaufnahmen Neues Denken für Menschen mit Hund Natural Dogmanship® Erziehungsphilosophie von Jan Nijboer Das Kontakthalten fördern Themenabend mit Anton Fichtlmeier 18 Die Kunst des Trailens 28 Suchhundezentrum.de Mantrailing-Chancen & Risiken Was ist Hundeerziehung? TeamCANIN Das soziale Lernen 31

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FAMILIENHUNDE AUSBILDUNG IN DER PRAXIS CANIS-Zentrum für Kynologie ­ Michael Grewe erklärt die Lerninhalte einer guten Welpengruppe Zeit sinnvoll nutzen Welpengruppen sind zeitlich begrenzt und es gilt, diese Zeit optimal zu nutzen. Wichtige Lerninhalte sind zu vermitteln, die dem Hundehalter helfen, seinen Hund vernünftig zu erziehen. Anlässlich eines Seminars zum Thema «Das Verhalten des Hundes ­ Die ontogenetische Entwicklung» kommentiert Michael Grewe anhand eines praktischen Beispiels den sinnvollen Übungsaufbau. Geleitet wird die Welpengruppe von Markus Keiser. Er ist Trainer der Hundeschule dog4you im schweizerischen Rothenburg, welche das Seminar organisiert hat. Den Teilnehmern wird vermittelt, was Welpen lernen sollten, wie sich der Mensch in diesen Lernprozess einbringen kann und welche Elemente zu vermeiden sind. KITTY SIMIONE Trainer von Welpengruppen tragen eine grosse Verantwortung, denn sie stellen die Weichen für die weitere Entwicklung des Hundes. Sie müssen Menschen und deren Fähigkeiten und Erwartungen richtig einschätzen können. Das Wissen über Rassenunterschiede, die Entwicklungsstufen des einzelnen Individuums und das Lernverhalten eines Hundes sind notwendig, um dem Welpen einen optimalen Start ins Leben zu ermöglichen. Auch gilt es, beginnende Störungen frühzeitig zu erkennen. Sinnvollerweise werden die Arbeitsgrundsätze des Welpentrainers an die Forschung gekoppelt, denn diese theoretischen, verhaltensbiologischen Grundlagen schaffen eine objektive Basis und lassen keinen Raum für selbst konstruierte Philosophien. Diese Grundlagen öffnen das Verständnis für die Bedürfnisse des Hundes, ermöglichen die klare Kommunikation mit dem Tier und lassen erkennen, wann der Welpe allenfalls auch überfordert ist. Gute praktische Arbeit ist immer theoriegebunden. tion kennen lernen können. Ein heftiges Zerren des kleinen Hundes in die Richtung der Artgenossen sollte von Beginn an sofort unterbunden werden. Ungeduld darf nicht zum Erfolg führen. Erst wenn sich die anfängliche Nervosität gelegt hat, werden die Welpen abgeleint und dürfen sich ein erstes Mal austoben. Spiel unter Artgenossen ist für die Entwicklung eines Hundes enorm wichtig und gehört auf jeden Fall in eine Welpengruppe hinein. Selbstverständlich sollte es durch den Menschen überwacht und zeitlich begrenzt sein. Zwei Einheiten zu je rund zehn Minuten pro Lektion sind sicherlich vernünftig. Im Spiel lernt der Hund. Er passt seine kommunikativen Abläufe und sein Sozialverhalten der Umwelt an. Spiel findet nur im sicheren sozialen Umfeld statt und unter dieser Voraussetzung macht es auch richtig Spass. Das Spiel der Welpen wird durch den Menschen kontrolliert. Dabei ist es aber nicht notwendig, dass der Blick des Menschen ständig auf den Hund gerichtet ist. Viel sinnvoller ist es, auch Wenn Welpen spielen Die Stunde beginnt mit einem ruhigen Element. Mit genügend grossem Abstand zueinander versammeln sich die Hundebesitzer im Kreis. Die Welpen sind angeleint. Sie sollen erst einmal in Ruhe ankommen und die Situa- Die Möglichkeit zu ausreichendem Sozialspiel mit Artgenossen ist für die optimale Entwicklung eines Welpen unbedingt erforderlich. Dabei bleiben die Hunde aber nicht sich selbst überlassen. Das Spiel wird durch den Menschen kontrolliert. AkteHund Demoversion · 3

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AUSBILDUNG IN DER PRAXIS FAMILIENHUNDE Im Spiel trainiert der Hund seine eigenen kommunikativen Fähigkeiten und lernt, Signale seines Spielgefährten richtig einzuschätzen. mal seine eigenen Wege zu gehen und sich als Person mit eigenen Interessen und Zielsetzungen zu präsentieren. Und genau das tun die Hundehalter. Sehr schön sind die unterschiedlichen Charaktere der Welpen zu erkennen. Der kleine Terrier zeigt sich aufdringlich und penetrant, versteht es aber auch, die anderen immer wieder sehr geschickt zu einem Spiel zu animieren und für sich zu begeistern. Rocky, der Jüngste von allen, ist noch etwas schüchtern und in seiner Reifung noch nicht soweit wie die anderen. Er zieht sich lieber zurück, da er dem Druck und dem Tempo der anderen Hunde noch nicht standhalten kann. Im Spiel werden die Welpen durch den Hundetrainer «gemanagt». Es bedarf viel Gefühl, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, wo das Spiel noch eine förderliche Wirkung hat und wo es allenfalls in eine Ernsthaftigkeit kippen kann. Dieses feine Gespür für soziale 4 · AkteHund Demoversion Wechselwirkungen kann man nicht aus Büchern lernen. Dazu braucht es viel Erfahrung. Welpen müssen nicht sofort voneinander getrennt werden, wenn einer der beiden sich in der Situation nicht ganz wohl fühlt. Aus diesem Unwohlsein kann nämlich auch eine Motivation wachsen, die eigene Kommunikation so anzupassen, dass man nicht mehr in eine solche Lage gerät oder dass man später mit einer ähnlichen Situation auch klar kommen kann. In der Beobachtung des Welpenspiels ist der Hundehalter auf mögliche Folgen des aktuellen Verhaltens seines Hundes hinzuweisen. Welpen können bereits mit wenigen Wochen Verhaltensmuster zeigen, die in diesem Alter noch kein Problem darstellen, mit zunehmender Reife aber durchaus ernsthaften Charakter annehmen können.Was beim erwachsenen Hund nicht geduldet wird, darf auch dem Welpen nicht erlaubt werden. Je früher der Hundebesitzer richtig auf die Aktionen des Welpen reagiert, umso besser kann der Hund beeinflusst und sein Verhalten verändert werden. Es liegt im Ermessen des Trainers abzuschätzen, ob seine Erklärungen durch die Hundebesitzer bereits innerhalb der Gruppe verstanden werden oder ob weitere Zeit für ein persönliches Beratungsgespräch nötig ist. Den Welpen aus dem Spiel mit Artgenossen abzurufen, gehört zu den schwersten Lektionen. Die Erwartungen an das einzelne Tier dürfen in dieser Übung keinesfalls zu hoch angesetzt werden. Wenn ein Welpe auf den Zuruf nicht kommt, hat das nichts mit Ungehorsam zu tun. Viel mehr ist der Hund so sehr mit allen seinen Sinnen mit dem Spiel beschäftigt, dass er gar nicht in der Lage ist, die Aussenwelt zusätzlich wahrzunehmen. Nach dem Abrufen kann der Hund bei seinem Besitzer wieder Ruhe finden. Neben dem Spiel unter Artgenossen sollte der Hundebesitzer auch instruiert werden, wie ein Spiel zwischen Mensch und Hund aussehen kann und was eher vermieden werden soll. Dies ist jedoch so individuell auf das Team anzupassen, dass es dazu keinen Katalog mit technischen Erklärungen geben kann. Ein Spiel mit dem Welpen ist immer auch eine soziale Auseinandersetzung und schafft wunderbare Möglichkeiten, dem kleinen Hund Grenzen aufzuzeigen. Das Setzen von Grenzen ist sowieso ein zentrales Thema innerhalb einer Welpengruppe. Grenzen setzen Die Hundebesitzer legen Futter auf einen Kartondeckel, das die Welpen natürlich sofort nehmen wollen. Doch noch bevor sie es erreichen, legt der Mensch seine Hand darauf. Um es doch zu bekommen, beginnt der Hund zu stubsen, zu scharren oder zu bellen. Markus weist die Hundehalter an, das Futter nur herauszugeben, wenn der Hund den Menschen zuerst anschaut. Dies ist ein Punkt, den Michael Grewe anders lösen würde: «Durch diese Vorgehensweise wird kein Tabu ausgesprochen. Der Hund wird viel mehr dazu gebracht, dass er mit einem bestimmten Verhalten zum Erfolg kommen kann. Er lernt über Erfolg und Misserfolg, was natürlich auch eine mögliche, na-

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FAMILIENHUNDE AUSBILDUNG IN DER PRAXIS Am Boden liegt Futter, doch der Welpe darf es nicht nehmen. Ein kurzer Stubser im richtigen Moment am Fang des Hundes lässt diesen sofort zurückweichen. Die gleiche Hand, die ein Verbot gesetzt hat, ist nachher sofort wieder liebkosend. Ist das Nein für den Hund klar, gewinnt das Ja an Bedeutung. Klarheit schafft Nähe. Eine vertrauensvolle Beziehung ist durch das Setzen eines Tabus sicher nicht gefährdet. türliche Form des Lernens ist, für den Hund aber nicht eindeutig eine Grenzdarstellung bedeutet, die über den Menschen läuft. Die wahre Bedeutung der gesetzten Grenze hat er in diesem Fall nicht verstanden und er wird das Nein somit auch nicht annehmen, wenn er auf dem Spaziergang etwas Leckeres findet. Ein klares Verbot auszusprechen, ist etwas anderes als das Verhalten des Hundes zu manipulieren. Nur wenn das Nein klar ist, gewinnt auch das Ja an Bedeutung. Welpen müssen ein eindeutiges Nein, das immer der Situation angepasst ist, sofort kennen und akzeptieren lernen. Dies geschieht vorbereitend und nicht erst dann, wenn nach einem halben Jahr die unerwünschten Verhaltensweisen des Hundes ein Handeln erforderlich machen.» Ein wirkliches Verbot kann ganz direkt und unmittelbar in der gegebenen Situation gesetzt werden. Bei dem kleinen Terrier beispielsweise genügt ein kleiner Stupser mit zwei Fingern am Fang. Dies passiert exakt in dem Moment, in welchem der Hund das Futter aufnehmen will. Dazu wird gleichzeitig ein Hörsignal ausgesprochen. Dieses Nein ist in seiner Intensität immer dem Hund angepasst und daraus resultiert auch nicht, dass der Hund sich deswegen vom Menschen zurückzieht oder die Beziehung unnötig belastet wird. Das Gegenteil ist der Fall. Dem Hund wird lediglich vermittelt, dass er das, was er gerade tut, unterlassen soll. Die gleiche Hand, die ihm das Nein beibringt, ist gleich darauf auch wieder lieb und nett. Innerhalb der Beziehung werden die Verantwortlichkeiten geregelt. Der Mensch macht klar, dass er die soziale Kompetenz besitzt, für Sicherheit und Ressourcen zu sorgen. In einer Beziehung ohne Grenzen und Verbote kann es passieren, dass für den Welpen sehr ungünstige Weichen gestellt werden. Hunde danken überschwängliche Liebe nicht mit Gehorsam. Fehlen ihm klare Linien und Strukturen, wird es ihm schwer fallen, sich gut in unsere Gesellschaft einzugliedern. Hundehalter, die zu ihrem Welpen immer nur nett sind und keine klaren Grenzen setzen können, sind keine besseren Menschen, sondern eher in gewissen Situationen überfordert und hilflos. Den Hund mit Leckerli und Spielzeug abzulenken ist offensichtlich ein Erziehungsmodetrend und es ist einfacher, als sich selbst mit souveränem Auftreten klar zu positionieren. Emotionale Qualität ist ein Wechselspiel zwischen Ernsthaftigkeit und ehrlicher, liebevoller Zuwendung. Mit Frust umgehen können Welpen erleben Frust und müssen lernen, damit umzugehen. Nicht selten setzen sie sich etwas in den Kopf, das sie mit all ihrer Kraft durchzusetzen versuchen. Chineok, ein Sibirian Husky, 15 Wochen alt, hat vom Spiel noch nicht genug und will unbedingt zu den anderen Welpen. Halsband und Leine hindern ihn daran, weshalb er mit Kraft und Geschick versucht, sich zu befreien. Für Marco Fischer, seinen Besitzer, ist klar, dass er diesem Nörgeln des Hundes nicht entsprechen darf. Er steht auf die Leine, verhält sich ruhig und wirkt nicht weiter auf den Welpen ein. Belastungsfähigkeit und eine kontinuierliche Steigerung der Frustrationstoleranz sind zu trainieren, selbstverständlich immer auf den Hund abgestimmt. Das Ertragen einer Situation wird auch in einer anderen Übung trainiert. Für wenige Minuten wird der Hund an einem Pfosten angebunden, während sich seine Bezugsperson einige Meter von ihm distanziert. Wenn man vom erwachsenen Hund will, dass er über ein paar Minuten angebunden ruhig warten kann, muss man schon dem Welpen Ruhe beibringen und ihm zeigen, dass er auch das Alleinsein für kurze Zeit ertragen kann. Aber Achtung: Je verwöhnter der Hund ist, je netter die Erziehungsverantwortlichen sich ihm gegenüber verhalten, desto weniger wird er belastbar. Wird ihm zuviel abgenommen, kann er nicht lernen, mit einer Situation auch einmal alleine klar AkteHund Demoversion · 5

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AUSBILDUNG IN DER PRAXIS FAMILIENHUNDE Der Welpe wird für wenige Minuten an einem Pfosten angebunden, während sich seine Bezugsperson von ihm distanziert. Mit dieser Situation kann der junge Hund durchaus fertig werden. Er lernt in kleinen Schritten, das Alleinsein zu ertragen. zu kommen. Auch Welpen dürfen gefordert werden. Spielgeräte für Welpen Markus trennt nun die Gruppe. Während die eine Hälfte der Hunde nochmals miteinander spielen darf, erhalten die anderen Hundebesitzer verschiedene Aufgaben. Der Welpe wird auf ei- nen Tisch gehoben und durch den Besitzer überall angefasst. Das muss er später beim Tierarzt auch erdulden können. Ein Geschicklichkeitsspiel fordert den Hund über die Nase. Das Wackelbrett fördert den Welpen im motorischen Bereich und ein mit bunten Bällen gefüllter Reifen lädt zum Verweilen ein. «Persönlich bin ich der Meinung, dass es in einer Welpengruppe kein Equipment braucht», erklärt Michael Grewe, «denn unterwegs kann ich ganz alltägliche Gegenstände nutzen, um meinem Hund etwas beizubringen. Einen attraktiven Spaziergang bei Wind und Wetter über Stock und Stein empfinde ich genauso lehrreich. Markus hat diverses Zubehör eingebaut. Diese Dinge können sehr wohl genutzt werden, um den Hund in seinen Fähigkeiten zu fördern. Auch wird dem Hundehalter gezeigt, wie er sich als versicherndes Element ins Geschehen einbringen kann, ganz nach dem Gedanken: "Wenn ich bei Dir bin, passiert Dir nichts." Ich glaube aber auch, dass sich der Mensch da manchmal zu wichtig nimmt. Hunde lernen vieles auch von ganz alleine und fallen dabei vielleicht auch mal irgendwo hinunter. Trotzdem sollten sie gewisse Erfahrungen alleine machen dürfen, ohne dass der Mensch sich immer einbringt. Vor allem ist eine subtile Form der Frühförderung mit zu hohen Erwartungen an den Hund dringend zu vermeiden. Markus Keiser erzeugt unerwartete Geräusche, welche von den Hunden nicht beachtet werden. 6 · AkteHund Demoversion Mit diesem Spielbrett kann der Welpe über die Nase angesprochen werden. Zudem trainiert er seine motorischen Fähigkeiten.

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FAMILIENHUNDE Welpen erleben Frust und müssen lernen, damit umzugehen. Der kleine Hund hat noch nicht genug vom Spiel mit Artgenossen und versucht, sich von Halsband und Leine zu befreien. Auf Nörgeleien dieser Art darf der Hundebesitzer nicht eingehen. Der Hund soll lernen, dass er nur über die Ruhe wieder zum Spiel kommt. Vielfach wird möglichst buntes Zubehör auch eingesetzt, um beim Hundehalter ein ganz bestimmtes Gefühl hervorzurufen. Oft wird bei der Durchführung von Welpengruppen stark auf die Aussenwirkung geachtet. Nur wenn dieser erwartete Dienstleistungscharakter erfüllt wird, empfinden die Hundehalter die Stunde als nett und wertvoll und erzählen das dann auch weiter.» AUSBILDUNG IN DER PRAXIS Sozialisierung findet permanent statt Auffallend ist, wie Markus immer wieder zwischen aktiven Elementen und Ruhephasen wechselt. Beim Besitzer darf sich der Hund entspannen und hier wird er auch nicht von anderen Hunden belästigt. Durch den Trainer ausgelöste, plötzlich auftretende Geräusche soll der Hund so belanglos wie möglich hinnehmen. Sozialisierung findet ja permanent statt. In Welpenstunden kann somit lediglich dem Hundehalter vermittelt werden, wie er sich in plötzlich auftretenden, für den Hund unbekannten Situationen verhalten kann. Es darf keinesfalls der Anspruch entstehen, dass man einmal in der Woche in die Welpenstunde geht und danach meint, man hätte einen gut sozialisierten Hund. Es ist die Zeit zwischen den offiziellen Trainingsstunden, die der Hundehalter nutzen muss. Die Verantwortung für die Erziehung liegt in seinen Händen. Tabu sind auch die Fixierung des Welpen auf ein einzelnes Objekt, die Überforderung im Sinne von Leistungserwartung oder absolute Aussagen wie: "Die regeln das schon unter sich." Bei all diesen Lerninhalten darf man aber eines nicht vergessen: In die Welpengruppe kommen Menschen, für die der kleine Hund für eine gewisse Zeit das höchste Glück auf Erden verspricht. Sie freuen sich und befinden sich nicht selten in einem Gemütszustand der überschäumenden Freude, der die Wahrnehmung für die Realität etwas überlagert. Natürlich darf der Trainer trotz gegebener Erziehungselemente durchaus auch seiner Freude an den entzückenden Welpen Ausdruck verleihen. Er darf sich natürlich für und mit den Leuten freuen. Es gilt, den Menschen Sorgen zu nehmen, nicht ihnen neue Sorgen zu machen. Den Welpenbesitzern sollen keine Ängste eingeredet werden und doch sind sie auf Konflikte vorzubereiten. Es ist wirklich vieles einfach auch eine Gefühlssache. Welpenerziehung hat viel mit gesundem Menschenverstand, Bodenständigkeit und Mitgefühl zu tun. Noch gibt es leider keine einheitlichen Kriterien oder Standards, aus welchen der Hundehalter verbindlich die Qualität einer Welpengruppe ableiten könnte. Die gute Hundeschule zu finden, ist für den unerfahrenen Hundebesitzer immer noch eine Glückssache und das wird sich auch trotz aller Bemühungen kaum ändern.» Kontaktadressen: CANIS-Zentrum für Kynologie Michael Grewe Telefon: 0049 (0)2773 747467 E-Mail: info@canis-kynos.de Internet: www.canis-kynos.de Hundeschule dog4you Brigitte und Markus Keiser Erika und Beat Durscher-Leu Telefon: 0041 (0)78 619 01 62 E-Mail: pfote@dog4you.ch Internet: www.dog4you.ch Der Experte Mit viel Gefühl «Die Welpenstunde, wie sie Markus geleitet hat, hat mir sehr gut gefallen», versichert Michael Grewe. «Ausschlaggebende Elemente waren enthalten. Was man in einer weiteren Lektion noch ansprechen kann, ist die Reaktion auf Bewegungsreize. Der Welpe soll lernen, dass man nicht gleich jedem rollenden Ball hinterher laufen muss. Auch können Übungen eingebaut werden, bei welchen dem Hund etwas Leckeres weggenommen wird. Einfach um zu sehen, wie der Hund darauf reagiert, ob er den Menschen anknurrt oder ob er es geschehen lässt. Das schafft wiederum eine Möglichkeit, mit dem Hund ein Gespräch zu führen. Was gar nicht in eine Welpengruppe passt, sind die Manipulation des Hundes über Futter oder eine Verrücktmacherei mit Spielzeug. Michael Grewe ist Mitbegründer und Inhaber von CANIS-Zentrum für Kynologie. Neben der geschäftlichen Leitung des Zentrums arbeitet er als Hundetrainer und Verhaltensberater in der Hundeschule «Hundeleben» im deutschen Bad Bramstedt bei Hamburg. Seine praktischen Grundlagen stellen die Basis der Ausbildung bei CANIS-Zentrum für Kynologie. Davon abgeleitet entwickelt er die Lösungsansätze in der Arbeit mit Mensch und Hund. Er nutzt seine Kenntnisse, um in vielen Bereichen des «Hundewesens» tätig zu sein. Die Erfahrungen, die er hierbei sammelt, und sein Interesse an Menschen mit ihren Hunden tragen wesentlich dazu bei, das Berufsbild des «Hundetrainers und Verhaltensberaters» in Deutschland zu entwickeln. Michael Grewe ist Dozent zahlreicher Veranstaltungen von CANIS-Zentrum für Kynologie. AkteHund Demoversion · 7

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AUSBILDUNG IN DER PRAXIS Seminar mit Perdita Lübbe-Scheuermann, Hunde-Akademie, in Griesheim GER «Super-Perdy» im Einsatz ­ vom Erstgespräch zu den ersten effektiven Trainingsschritten FAMILIENHUNDE Zuviel Beschäftigung Linda ist eine zweijährige Pondenco-Mischlingshündin. Im Alter von drei Monaten ist sie von ihrer heutigen Besitzerin Nadja übernommen worden. Nadja beschreibt die Probleme, die sie mit ihrer Hündin hat: «Begegnungen mit anderen Hunden sind für uns schwierig. Linda pöbelt nach vorne und steigt in der Leine hoch. Ihr Jagdverhalten lebt sie gerne an Mauslöchern aus und es ist für mich schwierig, für den Hund über längere Zeit so interessant zu bleiben, dass sie sich mit mir beschäftigt. KITTY SIMIONE «Ich finde es schön, dass alle von Methoden in der Hundeerziehung reden ­ nur ich habe keine.» So beginnt Perdita Lübbe, Inhaberin der Hunde-AkadeViel lieber geht Linda ihren eigenen Bedürfnissen nach. Ich bin ihr wohl zu langweilig.» Probleme mit Artgenossen haben immer auch mit der Mensch-Hund-Beziehung zu tun. Wo liegt der Haken in dieser Beziehung? Ein kurzer Augenschein, ein paar wenige Übungen und Perdita Lübbe erkennt bereits, welche vordringlichen Schwierigkeiten das Team tatsächlich hat. Nicht selten weicht ihre Einschätzung komplett von derjenigen des Hundebesitzers ab. So wohl auch in diesem Fall. mie im deutschen Griesheim, die Umschreibung ihrer Tätigkeit als Hundetrainerin. Sie berät Mensch-HundTeams sehr individuell. Jeder Mensch und jeder Hund hat besondere Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Vorstellungen, auf die sie exklusiv und individuell eingeht. Bei einem Erstgespräch will Perdita gar nicht viel von den beiden wissen, denn die Vorgeschichte eines Hundes hat nach einer Übernahme durch einen neuen Besitzer nur kurze Zeit Einfluss auf dessen Verhalten. Danach wird es hauptsächlich durch die Beziehung des Tieres zum Menschen bestimmt. Hunde passen sich in wenigen Tagen an eine neue Umgebung und an eine neue Familie an. Natürlich können traumatische Erlebnisse aus früheren Tagen noch nachhaltig wirken, sie dürfen aber nicht als Entschuldigung dafür dienen, die Erziehung des Hundes zu vernachlässigen. Wird der Hund richtig geführt, kann er seiner neuen Bezugsperson schon nach wenigen Tagen vertrauen. Strukturen und Regeln, aber auch Zuneigung und Verständnis für seine Bedürfnisse geben ihm Sicherheit. So lange sie im Gehorsam steht, ist die Hündin gedanklich bei ihrer Besitzerin. Ist Nadja aber abgelenkt, entscheidet der Hund selbständig und ist sofort nach aussen orientiert. Die beiden bilden dennoch scheinbar ein harmonisches Team und unter den Seminarteilnehmern ist schon ein Raunen zu hören: «Das sieht doch toll aus! Ich wollte, mein Hund würde so schön an der Leine gehen. Die beiden haben doch bestimmt keine Probleme!» Tja, das ist ein Irrtum. Und die nächste Übung zeigt auch weshalb. Nadja wird aufgefordert, nun die Strasse entlang zu joggen. Das duldet die Hündin nicht. Sie wird sofort übergriffig und versucht ihre Besitzerin zu stoppen. Sie wird distanzlos, springt ihre Besitzerin an und beisst in die Leine. Nadja hingegen reagiert mit zuwenig Effizienz auf diese Respektlosigkeit. Diese kurzen Sequenzen sagen schon sehr viel über die Mensch-Hund-Beziehung aus. Die Expertin Die Arbeit mit Komparsen Nun will sich Perdita auch noch ein Bild über Lindas Verhalten in Hundebegegnungen machen. Die Trainerin arbeitet viel mit Komparsen. Diese Hilfspersonen werden vor ihrem Einsatz genau instruiert. Gerade bei Begegnungen mit Artgenossen ist es mehr als wichtig, dass der zu trainierende Hund ein Gegenüber antrifft, das für ihn passend ist. Der schüchterne Hund, der sich vor anderen Hunden fürchtet, braucht zahlreiche positive Erlebnisse mit gelassenen Artgenossen, damit er selber wieder gelassener werden kann. Hier darf es nicht passieren, dass ihn ein Hund über den Haufen rennt, denn das würde sein Unwohlsein bestätigen. Auch Hunde, die sich anderen Hunden gegenüber sehr distanzlos oder gar aggressiv verhalten, müssen nicht ihr Leben lang vor Hunden weggesperrt werden - ganz im Gegenteil. Hier ist es wichtig, dass sie lernen, dass ihr Gebaren keinen Erfolg hat und deshalb sollten sie auf Hunde treffen, die sie entweder stehen lassen, souverän ihrem Gegenüber begegnen oder aber das Verhalten in positives Handeln umkehren. Erfahrene Kunden, Trainerinnen und deren Hunde kommen als Komparsen zum Einsatz. Sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Hundebegegnungen werden gezielt trainiert und ermögli- Der erste Schein trügt Perdita Lübbe-Scheuermann leitet seit 1994 die von ihr gegründete Hunde-Akademie in Darmstadt GER. Neben Hundeerziehung und einem breit gefächerten Freizeitangebot für Mensch und Hund bietet die ISOzertifizierte Hunde-Akademie diverse Fort- und Weiterbildungsangebote für Hundetrainer und -besitzer sowie Tierschutzorganisationen an. Perdita LübbeScheuermann ist ausserdem Lehrerin an der Berufsschule für Tierpfleger/-innen in Hessen, Mitglied im Prüfungsausschuss und erfolgreiche Buchautorin. Hunde-Akademie Perdita Lübbe Goethestrasse 27 D-64347 Griesheim Telefon: 0049 (0)6155 4434 info@hundeakademie.de www.hundeakademie.de 8 · AkteHund Demoversion Und so will Perdita nun auch von Nadja und Linda nicht mehr wissen, als das in wenigen Sätzen durch die Hundehalterin formulierte Anliegen. Dann geht es nach draussen. Die Hundetrainerin will das Team in der gemeinsamen Aktion beobachten. Sie kennt die Problematik und will sich nun selbst ein Bild der Mensch-Hund-Beziehung machen. Nadja wird gebeten, mit ihrem angeleinten Hund die Strasse hoch und wieder runter zu gehen. Linda zeigt eine schöne Leinenführigkeit. Sie ist aufmerksam, sucht immer wieder den Blickkontakt zu ihrer Besitzerin und läuft an lockerer Leine neben ihr her.

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FAMILIENHUNDE AUSBILDUNG IN DER PRAXIS Auf den ersten Blick bilden Nadja und ihre Podenco-Mischlingshündin Linda ein harmonisches Team. Doch der Schein trügt. Sobald Nadja zu joggen beginnt, wird sie von ihrer Hündin gestoppt. In Begegnungen mit Artgenossen steigt Linda in der Leine hoch und pöbelt nach vorne, um sich den anderen Hund vom Leibe zu halten. chen dem Hundehalter, sich die nötige Sicherheit für die Praxis im Alltag anzueignen. Auch für Linda ist schnell ein passender Hund gefunden und es kann zu einer kontrollierten Begegnung mit einem Artgenossen kommen. Die Komparsin kommt mit ihrem Hund auf Nadja und Linda zu und geht ruhig und gelassen an den beiden vorbei. Linda sieht den anderen Hund, löst sich aus der Leinenführigkeit und geht nach vorne. Je näher der Artgenosse kommt, umso heftiger beginnt sie zu protestieren. Mit lautem Gekläffe hängt sie sich in die Leine und versucht, den anderen Hund auf Distanz zu halten. Leinenaggressionen haben ihren Ursprung fast immer in der Mensch-Hund-Beziehung. Die Führungspositionen sind falsch verteilt. Es wird auch nicht besser, wenn der Mensch versucht, den Hund durch Futter abzulenken und ihn am Konflikt «vorbei zu keksen». In dieser Situation an der Leinenaggression zu arbeiten, wäre der falsche Weg. Zuerst muss die Beziehung richtig definiert und auf ein solides Fundament gestellt werden. Solange Linda noch kein Vertrauen in die Führungsqualitäten ihrer Besitzerin hat, ist es die beste Lösung, an anderen Hunden einfach vorbei zu gehen, ohne gross auf das Verhalten von Linda einzugehen. Hunde brauchen Führung, immer, ähnlich einem dreijährigen Kind, das Schutz bei der Mutter sucht, wenn es sich in einer Begegnung mit anderen Kindern unsicher fühlt. Wer bewegt wen? Im Innenhof der Hotelanlage wird Linda von der Leine gelassen. Es geht darum herauszufinden, wer sich von beiden mehr um den anderen bemüht. Nadja hakt sich bei einer Hilfsperson ein und die beiden haben Spass zusammen. Sie hüpfen, lachen, kauern auch auf den Boden und scheinen Spannendes entdeckt zu haben. Der Hund wird dabei ignoriert. Genau dies tut aber scheinbar auch Linda. Sie schnüffelt intensiv im Gebüsch und scheint nicht an den Aktivitäten der zwei Frauen interessiert zu sein. Doch das täuscht. Mit einem Auge beobachtet sie ständig, was ihre Besitzerin tut. Dann rennen die beiden Frauen aus dem Hof. Für Linda bleibt der Weg aber versperrt. Sie darf nicht mit. Noch immer scheint dies die Hündin nicht zu kümmern. Sie schnuppert an den herumstehenden Seminarteilnehmern, erkundet den Innenhof und ist nach wie vor nicht an Frauchen interessiert. Sie kann sich auch alleine sehr gut beschäftigen. Die Frauen werden zurück gerufen und Perdita übergibt Nadja ein Glas mit Würstchen. Nun ist der Hund plötzlich aufmerksam und drängt sich mitten ins Geschehen. Die Hundebesitzerin versucht, Linda wegzuschicken, aber ihre Aktion zeigt zuwenig Wirkung. Linda bleibt hartnäckig dabei. Wieder verlassen die beiden Frauen den Hof. Nadja blockt ihre Hündin nochmals ab. Sie darf nicht mit und wird durch die umstehenden Personen zurückgehalten. Nun plötz- lich steht Nadja im Mittelpunkt von Lindas Interesse. Die Hündin beginnt, ihre Besitzerin zu suchen. An diesem Punkt unterbricht die Hundetrainerin die erste praktische Arbeit dieses Teams. Die Geschehnisse sind auf Video festgehalten worden und dienen nun als Grundlage für die Besprechung im Plenum. Der Tagesablauf macht vieles deutlich Perdita Lübbe hat sich ein erstes Bild der Mensch-Hund-Beziehung machen können. Nun ist es Zeit, etwas mehr über die beiden zu erfahren. Nadja wird nach dem gemeinsamen Tagesablauf gefragt. Sie geht morgens früh aus dem Haus zur Arbeit, macht vorher eine kleine Versäuberungsrunde mit dem Hund und lässt Linda dann daheim. Gegen elf Uhr geht ihr Mann mit Linda für rund zwanzig Minuten nach draussen. Früh am Morgen ist die Hündin sowieso nicht für eine gemeinsame Beschäftigung zu begeistern. Um drei Uhr kommt Nadja nach Hause und geht mit Linda für rund eineinhalb Stunden in den Wald. Während des Spazierganges lässt sie sich diverse Übungen und Beschäftigungen für Linda einfallen, unter anderem lässt sie Linda auch nach einem Futterbeutel suchen. Gegen halb sieben folgt nochmals eine halbe Stunde Beschäftigung für die Hündin. Dazwischen wird auch öfter mal gekuschelt. Futter gibt es immer zur gleichen Zeit aus dem Napf. AkteHund Demoversion · 9

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AUSBILDUNG IN DER PRAXIS FAMILIENHUNDE Für das Würstchenglas zeigt auch Linda plötzlich starkes Interesse und lässt sich nicht abwimmeln. Als Nadja zu ihr kauert, steigt die Hündin an ihr hoch. Genau in diesem Moment fällt das Glas zu Boden und zerspringt. Linda ist beeindruckt und wird von Nadja weggeschickt. Der erste Eindruck Linda steht gut im Gehorsam und funktioniert in einstudierten Übungen tadellos, doch dieses Verhalten ist antrainiert. Sie zeigt sich sehr selbständig, reagiert sensibel auf Körperlichkeiten und ist über Futter gut zu motivieren. In der Beziehung aber gibt die Hündin die Bedingungen vor. Linda zeigt in ihrem Verhalten, dass sie sich immer sicher sein kann, dass ihre Besitzerin nach ihr schaut und sie auch vom Mausloch wegholt, wenn sie sich gerade in eine Jagd nach lebender Beute hinein steigert. Sie muss sich nicht einmal nach ihr umdrehen und wird auch nicht nervös, wenn Nadja mal einen Moment nicht in Sicht- weite ist. Linda kann sich in einer Buddelei so sehr verlieren, dass es ihr auch gleichgültig ist, wenn ihre Besitzerin sich entfernt. Die Hündin geniesst den Freilauf, auch wenn der Rückruf nicht zuverlässig funktioniert, zumindest nicht am Mausloch. Wenn Nadja will, dass sich ihre Hündin an ihr orientiert, darf sie es nicht mehr zulassen, dass Linda sie ignoriert und die Geschehnisse bestimmt. Linda soll nicht mehr die Gelegenheit bekommen, nein sagen zu können. Nadja wird die Hündin für drei bis vier Wochen an die Schleppleine nehmen. Dadurch kann sie den Weg bestimmen. Sie kann Linda auch einmal ein Mausloch gönnen, bestimmt dann aber den Zeitpunkt und die Dauer des Vergnü- gens. Die Hündin wird sehr umsorgt und sie weiss das auch. Sie ist satt. Nadja bedient die Hündin zu stark und hat sich selbst zur Entertainerin ihres Hundes gemacht. Es ist Zeit, dass die Hundebesitzerin ihr Engagement etwas zurück nimmt und sich mehr um sich selbst kümmert. Sie wird die Hündin zuhause öfters wegschicken und nicht mehr auf deren Aufforderungen eingehen, Linda aber willkommen heissen, wenn es Nadja und nicht ihrer Hündin passt. Die Fütterung hat bisher in Ritualen stattgefunden, die nun auch aufgeweicht werden. Gefüttert wird sowohl aus dem Napf, als auch nach der Apportierarbeit mit dem Futterbeutel, zu ungewohnter und wechselnder Tageszeit. Die gemeinsame Beschäftigung wird auf die Arbeit mit dem Dummy reduziert, alle anderen Bespassungen des Hundes werden vorerst eingestellt. Dafür dürfen die Apportieraufgaben schwierig gestaltet werden. Der Hund soll sich für sein Futter anstrengen. Nadja wird plötzlich viel Freizeit haben, die sich nicht mehr ausschliesslich um den Hund dreht. Linda darf zwar überall dabei sein, sie ist aber nicht mehr der Mittelpunkt. Nadja ist über all diese Erkenntnisse sehr verblüfft. Sie hat mit allem gerechnet und sich auf verschiedenste neue Trainingsmethoden eingestellt. Dass sie aber zuviel für ihre Hündin tun könnte, das hat sie nicht erwartet. Komparsin Manuela hält Linda mit deutlicher Körpersprache von ihrer Labrador-Hündin fern. Die Aktion zeigt Wirkung. Linda sucht aus eigenem Antrieb Schutz bei ihrer Besitzerin. 10 · AkteHund Demoversion

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FAMILIENHUNDE Nadja ist von den neu gewonnenen Erkenntnissen überrascht. Nie hätte sie gedacht, dass sie ihre Hündin zuviel beschäftigt. Sie wird ihr Verhalten im Umgang mit Linda ändern, um für sie wieder interessanter zu werden. AUSBILDUNG IN DER PRAXIS Wenn der Zufall mithilft Ein erstes, grobes Bild der MenschHund-Beziehung ist gezeichnet. Perdita hat deutlich gemacht, dass gar nicht die Leinenaggression des Hundes das vorwiegende Problem dieser MenschHund-Beziehung ist. Reaktionen auf Artgenossen haben viel mit dem Status des Hundes in der Beziehung zu tun. Linda bestimmt allgemein die Regeln des Zusammenlebens und fühlt sich deshalb auch dafür verantwortlich, sich Artgenossen selbst vom Leibe zu halten. Sie vertraut nicht darauf,dass ihre Besitzerin dazu auch in der Lage ist.Das ursprüngliche Anliegen von Nadja ist plötzlich nicht mehr vordergründig.Vielmehr geht es darum, die Positionen innerhalb der Beziehung neu zu klären, der Hündin wieder Respekt beizubringen und ihr wohlwollend klare Grenzen aufzuzeigen.Die Vorgeschichte des Hundes spielt in dieser Situation überhaupt keine Rolle mehr. Nach der groben Beurteilung des Teams ist es nun wichtig, erste Trainingsschritte aufzuzeigen. Dazu geht es wieder nach draussen. Im Innenhof muss Linda nicht angeleint sein. Für Nadja geht es nun darum, sich interessant zu machen. Damit dies sofort gelingt, bekommt sie wieder das Glas mit den Würstchen zugesteckt, das sie in ihrer Jackentasche versorgt. Erneut soll Nadja Spass haben und auf dem Hof herum hüpfen. Es ist klar, dass es nicht lange dauert, bis die Hündin dieses Treiben zu stoppen versucht. Sie steigt an Nadja hoch. Das ist kein Spiel und auch keinesfalls nett gemeint. Sie begrenzt ihre Besitzerin.Wenn Nadja auf den Boden kauert und ihre Hündin streicheln will, steigt diese an ihr hoch. Das ist sehr ernsthaft und unverschämt. Dann passiert es. Der Zufall will es, dass genau in diesem Moment das Glas mit den Würstchen aus der Tasche fällt und am Boden in tausend Scherben zerspringt. Die Hündin ist für einen kurzen Moment irritiert. Nun kommen Menschen herbei geeilt und sind emsig damit beschäftigt, die Scherben zusammen zu räumen. Und Nadja entwickelt plötzlich eine ungewohnt starke Energie, um Linda davon abzuhalten,an die Würstchen zu gelangen.Sie will natürlich nicht, dass ihre Hündin sich verletzt. Jetzt erst setzt sie sich mit der nötigen Vehemenz durch, die Linda braucht. Und es gelingt ihr tatsächlich, die Hündin durch eine klare Körpersprache und eine passende Stimme vom Futter fernzuhalten. Wenn Komparsen eingreifen Eine neue Situation. Eine Seminarteilnehmerin bringt ihren Labrador ins Spiel, den sie an der Leine führt. Linda läuft frei.Und schon wieder geschieht für die Hündin etwas Unerwartetes. Die Komparsin hat den Auftrag, Linda von ihrem angeleinten Hund fernzuhalten. Nadja soll sich etwas abseits aufhalten und nicht ins Geschehen eingreifen. Linda wird mit deutlicher Körpersprache und auch mit energiegeladener Stimme von der Hilfsperson weggeschickt. Das kommt für Linda so überraschend, dass sie sich sofort beeindruckt zurücknimmt und hinter ihrer Besitzerin Schutz sucht, obschon Nadja sie nicht zu sich gerufen hat. Das ist für diesen Hund aussergewöhnlich und für die Hundebesitzerin ein tolles Erlebnis. Natürlich ist Linda irritiert und etwas verunsichert, doch der Stresspegel hält sich absolut in Grenzen. beit wird Nadja nochmals aufgefordert, über den Hof zu laufen. Linda reagiert darauf wesentlich gemässigter. Und selbst als ihre Besitzerin für ein Gespräch mit der Hundetrainerin stehen bleibt, weicht Linda nicht von ihrer Seite. Noch vor Beginn der Arbeit wäre sie sofort ihren eigenen Ideen nachgegangen. Wie schnell sich doch Hunde anpassen! Nadja zieht Bilanz Die Hundebesitzerin ist müde, aber zufrieden. In kurzer Zeit ist extrem viel passiert. Sie muss das alles noch zuerst für sich verarbeiten. Dass sie ihrer Hündin bisher zuviel Programm geboten hat und sie deshalb nicht für die gemeinsame Beschäftigung begeistern konnte, kann sie noch immer kaum glauben. Es war ihr nicht bewusst, dass ein Hund auch mit Zuwendung übersättigt werden kann. Nadja ist erstaunt, wie schnell Fortschritte erzielt werden können. Sie freut sich auf die kommende Zeit und auf die Umsetzung des Gelernten. Zuhause werden ihr die Anleitung der Hundetrainerin fehlen und natürlich wird es Rückschritte geben. Die veränderten Strukturen können bei Linda auch zu einer Erstverschlechterung ihres Verhaltens führen, weil sie ihren gewohnten Status natürlich beibehalten möchte. Aber Nadja ist ganz zuversichtlich. Sie hat in der Szene mit dem zerbrochenen Glas gespürt, dass sie in der Lage ist, Linda zu begrenzen. Sie hat erlebt, dass ihre Hündin bei ihr Zuflucht sucht und ihr scheinbar doch viel Vertrauen entgegenbringt. Und Nadja hat ein so sonniges Gemüt, dass sie sich auf die neue Herausforderung freut. Sie wird bestimmt vieles sofort umsetzen können und sich in weiteren Lektionen die nötigen Tipps holen. AkteHund Demoversion 04/10 · 11 Apportieraufgaben erschweren Die nachfolgenden Apportieraufgaben lenken die Hündin auch sofort wieder ab. Wichtig ist, dass die Übungen Linda fordern und dass sie mit Nadja kooperiert. Beispielsweise zeigt die Hündin Unsicherheiten in einer Menschenmenge. Das Apportieren ist eine wunderbare Übung, um den Hund in dieser, für ihn unangenehmen Situation zu stärken und ihm allenfalls bei der Lösung einer Aufgabe auch zu helfen. Das ist für den Vertrauensaufbau sehr wichtig. Am Ende der zweiten praktischen Ar-

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AUSBILDUNG IN DER PRAXIS Hundetraining mit Thomas Baumann ­ Sinnvolle Beschäftigung für Familienhunde FAMILIENHUNDE ZOS ­ Die Zielobjektsuche Die einjährige Briard-Hündin Franzi bewegt sich mit der Nase dicht am Boden, intensiv schnüffelnd und scheinbar hoch konzentriert um ein Trümmerfeld aus Kisten, Eimern, Platten, Stühlen, Steinen und diversen anderen Gegenständen herum. Besitzerin Uschi Loth folgt ihrer Hündin mit einem gewissen Abstand an langer Leine. «Such Feuer», ermutigt sie Franzi, solange diese erkennbar sucht und sich nicht anderen Dingen widmet. Doch andere Dinge scheinen Franzi ohnehin nicht zu interessieren. Plötzlich hält die Hündin kurz inne, steigt zielstrebig über zwei Plastikrohre und beginnt am unteren Rand einer blauen Kiste noch intensiver und sehr geräuschvoll zu schnüffeln ­ dort muss etwas wirklich Interessantes versteckt sein. Augenblicklich legt Franzi sich in die PlatzPosition und signalisiert damit ihren Erfolg. Durch den Einsatz eines Clickers bestätigt Uschi Loth die Anzeige. Erst jetzt tritt sie an Franzi heran, bückt sich und gibt ihr die erwartete Futterbelohnung. Franzi hat das versteckte Feuerzeug tatsächlich gefunden. JOHANNA ESSER Thomas Baumann kann sich mit Stillstand nur schwer abfinden. Ständig ist er darum bemüht, neue, modifizierte oder auch alt bewährte Trainings- und Therapiemöglichkeiten weiter zu entwickeln, um Menschen und deren Hunden bei immer diffizileren Problemen helfen zu können. Auf diesem Wege © Fotos: Johanna Esser Die zu versteckenden Gegenstände können Feuerzeuge, Kugelschreiber, Münzen oder etwas anderes sein. Bei zwei gleichartigen Gegenständen hat der Hund sich für «sein» Feuerzeug zu entscheiden. entstand schliesslich auch ZOS ­ die Zielobjektsuche. Thomas Baumann suchte nach einer Möglichkeit, Familienhunde hundegerecht auszulasten und zu beschäftigen. ZOS entstammt in seiner Grundstruktur der Spürhundeausbildung bei der Polizei, lässt sich aber für Familienhunde in viele Richtungen bedarfsgerecht abwandeln. «Ziel dieser Methode ist es, die möglichen Ventile eines Hundes, beispielsweise auftretende Aggressionen gegen Menschen oder Artgenossen oder das Jagen von Radfahrern und Joggern, zu schliessen, beziehungsweise dem Hund eine Alternative und vor allem gewollte Auslastung anzubieten», erklärt der Hundetrainer den Hintergrund seiner Idee. «ZOS bietet dem Hund eine "Globalauslastung", der gesamte Orga- Australian Shepherd Didge sucht intensiv, lokalisiert den Gegenstand, legt sich in die korrekte Platz-Position und zeigt damit den Fund eindeutig an. Für diese erfolgreiche Anzeige erhält er von seiner Besitzerin nach einem Click sofort eine Futterbelohnung. Die Hand kommt dabei mit dem Futter direkt an den Gegenstand. 12 · AkteHund Demoversion

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FAMILIENHUNDE AUSBILDUNG IN DER PRAXIS nismus des Vierbeiners wird angesprochen, individuell angepasst an Rasse, Alter und Typ des Hundes», ergänzt er. Globalauslastung des Organismus Die umfassendste Auslastung, die einem Hund zuteil werden kann, ist mit einer intensiven Suchleistung am besten zu erreichen. «Allerdings gilt das nur für wirklich intensive Sucharbeit, nicht für oberflächliches Suchen. Wer auf einer grossen Wiese eine Windmühle sucht, hat es leicht und kommt schnell zum Erfolg. Wer auf der gleichen Wiese allerdings ein vierblättriges Kleeblatt finden möchte, wird deutlich intensiver danach suchen müssen», vergleicht Thomas Baumann. Bei intensiver (!) Suchleistung kann sich die Körpertemperatur eines Hundes innerhalb von rund fünf bis zehn Minuten um bis zu 1° Celsius erhöhen, da es hierbei um ein Auslastungsmodell geht, das den globalen Organismus des Hundes erfasst. Die kreislaufstimulierende Sucharbeit erfordert ein Höchstmass an Konzentration und physische sowie psychische Anstrengung. «Dabei ist es wichtig zu wissen, dass körperliche Energieleistungen nicht unbedingt mit physikalischen Kraftanstrengungen wie beispielsweise Laufen oder Radfahren verbunden sein müssen», erklärt Thomas Baumann. «Wer also mit seinem Hund täglich zwei Stunden und mehr spazieren geht oder längere Radtouren macht, lastet seinen Hund zwar körperlich aus, alles andere bleibt aber sprichwörtlich auf der Strecke», ergänzt er. unerwünschten "Ventilöffnungen" des Hundes sind Verhaltensmuster, die oftmals schwer zu kontrollieren sind und möglichst geschlossen werden sollten. Unabhängig davon, welche Ursachen dem unerwünschten Verhalten des Hundes zugrunde liegen, wird leider immer wieder versucht, den Hund ausschliesslich mit einer Ventilschliessung in den Griff zu bekommen. Meiner Meinung nach werden mit solchen Methoden allerdings lediglich die Symptome bekämpft» erläutert Thomas Baumann. «Wenn die Energieventile eines Hundes durch erzieherische Massnahmen ohne Kompensation einfach nur geschlossen werden, entsteht häufig eine innere Anstauung von Energien. Da in vielen Fällen eine mangelnde oder einseitige Auslastung die Ursache für unerwünschtes Verhalten ist, sollten Hundebesitzer vermehrt darüber nachdenken, dem Hund eine erwünschte und kontrollierte Ventilöffnung zu ermöglichen», meint der erfahrene Hundetrainer. «Gelingt es dem Hundebesitzer, unerwünschte Ventile zu verschliessen und dem Hund gleichzeitig ein alternatives Auslastungskonzept zu bieten, ist er auf dem besten Weg zu einer entspannten und hundgerechten Mensch-Hund-Beziehung. ZOS ist für das Gelingen dieses Vorhabens das beste und modernste Konzept, Verhalten positiv und in die gewünschte Richtung zu manipulieren», sagt Thomas Baumann voller Überzeugung. Uschi Loth und ihre Briard-Hündin Franzi sind vom ZOS-Training gleichermassen begeistert. Auch für ihre Mensch-Hund-Beziehung hat ZOS Wertvolles geleistet. ZOS und seine Vorzüge Seit über zwei Jahren bieten Thomas Baumann und seine Frau Ina ZOS als ein besonders hundgerechtes Auslastungsmodell an. Einen ganz wichtigen Part nimmt dabei Ina Baumann ein. Sie hat sich auf die Leistungsverbesserung und auf die Differenzierungsarbeit bei fortgeschrittenen ZOS-Hunden spezialisiert. Auch die optimale Vorbereitung der Teilnehmer für Wettkämpfe obliegt ihrem Trainingsbereich. Das ZOS-Training erfolgt in starker Anlehnung an die Spürhundearbeit der Polizei, das ZOS-Basis-Training dauert allerdings nur rund eine Woche. Im Folgenden erläutert der engagierte Hundetrainer die Vorteile dieses Trainings: «Der Hund wird durch ZOS im Freizeitbereich intensiv und sinnvoll ausgelastet und die Hunde brauchen Alternativen Für viele Hundebesitzer ist der tägliche Spaziergang nicht unbedingt ein erholsames Vergnügen. "Sich gemeinsam erholen", die Gedanken schweifen lassen und die Natur geniessen ­ viele Hundebesitzer können sich das nur wünschen. Vielmehr sind sie damit beschäftigt, dem Hund die volle Aufmerksamkeit zu schenken, da dieser sich auf alles mögliche konzentriert, nur nicht auf seinen Besitzer: Hasen, Rehe, Katzen oder sogar Jogger und Radfahrer jagen, unerwünschtes Verhalten bei auftauchenden Artgenossen und das Fressen von Kot und Essensresten, machen den täglichen Spaziergang mitunter zu einem Spiessrutenlauf. «Diese Gudrun Gentili trainiert mit ihren beiden Hunden Suko und Didge die Zielobjektsuche und muss sich auf zwei unterschiedliche Arbeits-Charaktere einstellen ­ das erfordert viel Einfühlungsvermögen. AkteHund Demoversion · 13

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AUSBILDUNG IN DER PRAXIS FAMILIENHUNDE Seminardaten ZOS-Seminar mit Thomas und Ina Baumann in der Schweiz! Zeit: 22.-24. Mai 2009 Wo: Baden (KV Baden Bäderstadt) Anmeldung und weitere Informationen: Hundeschule «Idée-Chien», Harry Meister Gunzgerstrasse 87, CH-4618 Boningen Telefon: 0041 (0)62 216 01 15 info@idee-chien.ch www.idee-chien.ch 3. Internationale ZOS-Meisterschaft 2009 Zeit: 10.-13. September 2009 Veranstalter: Hundezentrum Baumann GmbH Austragungsort und Anmeldung: Dog-City Bremen Birkenweg 18, D-28816 Stuhr Telefon: 0049 (0)4221 4901355 info@dogcity-bremen.de www.dogcity-bremen.de Die Berührung des Kugelschreibers führt zum bestätigenden Click. Thomas Baumann zeigt, wie es geht ­ Terrier-Mix-Hündin Milka macht begeistert mit. Bindung zwischen Hund und Besitzer wird durch die Koordinierung des Zweibeiners und die Beschäftigung miteinander gestärkt. Bei "echten" Jägern funktioniert ZOS allerdings nur in einem gewissen Rahmen, wobei sich die allermeisten vermeintlichen Jäger bei genauem Hinsehen mangels richtiger Auslastung als "Pseudo-Jäger" entpuppen. Bei echten Jägern kombiniere ich das Training oft mit anderen Hilfsmitteln und Strategien. Aber ZOS ist ja auch in erster Linie dazu gedacht, den normalen bis übermässig temperamentvollen Familienhund sinnvoll zu beschäftigen. Ein sehr wichtiger Nebeneffekt beim ZOS-Training ist ausserdem, dass die Hundehalter bei dieser Arbeit lernen, ihre eigene Feinmechanik in der Körpersprache zu optimieren und ihre Hunde besser zu lesen. Besonders attraktiv wird ZOS durch seine hohe Wettkampftauglichkeit. Wir verzeichnen eine sprunghafte Teilnehmernachfrage bei unseren internationalen ZOS-Meisterschaften», sagt Thomas Baumann nicht ohne Stolz. Trainingsaufbau mit dem Clicker «Das ZOS-Training wird in seiner Basis mit dem Clicker aufgebaut. Der Hundehalter konditioniert seinen Vierbeiner zunächst auf einen kleinen Gegenstand, beispielsweise auf ein Feuerzeug oder einen Kugelschreiber. Ist die Verknüpfung zu diesem Gegenstand erfolgreich hergestellt, was innerhalb kürzester Zeit geschieht, beginnt die eigentliche Auslastung. Die Such- und Spürarbeit nach diesem versteckten Gegenstand. Bringen oder Aufnehmen ist tabu, der Gegenstand wird durch Platz oder Sitz angezeigt. Durch dieses Suchmodell können ZOS-Profis bedenkenlos selbst im häuslichen Bereich Kleinstgegen- Weitere Informationen und Seminardaten erhalten Sie bei: Thomas und Ina Baumann Hundezentrum Baumann GmbH Friederikenhof 1 D-14979 Grossbeeren Telefon: 0049 (0)33701 35243 dogworld@t-online.de www.dogworld.de www.zielobjektsuche.net stände wie Büroklammern suchen ohne Schaden anzurichten», beschreibt Thomas Baumann den Trainingsaufbau in groben Zügen. Die wichtige Rolle des Hundebesitzers bei ZOS Eine wichtige Rolle beim ZOS-Training nimmt der Hundebesitzer ein. «Beim ZOS-Training werden ganz nebenbei verbesserte soziale Beziehungsstrukturen erarbeitet, von denen letztlich Mensch und Hund profitieren», weiss Thomas Baumann aus langjähriger Erfahrung. «Die entscheidende Schlüsselrolle des Hundebesitzers ergibt sich durch einen bewusst durchgeführten, sozialorientierten Aufbau der Konditionierung», ergänzt er. Bei einem gut trainierten ZOS-Hund übernimmt der Hundebesitzer vollständig die Koordination des Trainings. Nur die Suche selbst und das abschliessende Anzeigeverhalten fallen in den Aufgabenbereich des Hundes. «Der Hundebesitzer steht im Mittelpunkt des Geschehens. Genau aus diesem Grund entstehen wichtige soziale Sympathieeffekte, die ein normaler Spaziergang oder ausschliessliche Bewegungsaktivitäten nicht bieten können. Somit ist das "Beiwerk" der globalen Auslastungsvariante ZOS von einem ausserordentlich hohen sozialen Stellenwert geprägt. Erziehung und Koordination, soziale Bindung und Kommunikation werden gestärkt und gefestigt», erklärt Thomas Baumann abschliessend. Milka sucht den versteckten Kugelschreiber mit der Nase und versucht die Geruchsquelle zu identifizieren. 14 · AkteHund Demoversion

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FAMILIENHUNDE Verhaltensforschung Mensch & Hund mit Ádám Miklósi WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Zusammenleben und Bindung Bestehende Abhängigkeiten zwischen Lebenwesen sind unter anderem durch eine soziale Bindung gekennzeichnet. Ein Klassiker ist die soziale Bindung zwischen Mutter und Kind, sei es bei uns Menschen oder auch bei Hunden. Ádám Miklósi berichtet über den aktuellen Stand der Forschung und erklärt, was Bindung aus wissenschaftlicher Sicht ausmacht und was beim Zusammenleben von Mensch und Hund wichtig ist. JOHANNA ESSER Wenn über Hunde gesprochen und diskutiert wird, werden sie und ihre Verhaltensweisen häufig mit Wölfen verglichen. «Es ist doch interessant, dass viele Hundefachleute auch gleichzeitig Wolfsexperten sind. Wirkliche Fachleute wissen allerdings, dass wir im Grunde nur sehr wenig über das soziale Leben im Wolfsrudel wissen. Die meisten Beobachtungen, die man bisher an Wölfen gemacht hat, wurden an Tieren durchgeführt, die in Gefangenschaft leben. Hier entsprechen die sozialen Verhältnisse jedoch nicht den Gegebenheiten, die in der Natur vorherrschen», stellt Ádám Miklósi heraus. «Beispielsweise ist es noch immer eine weit verbreitete Meinung, dass die männlichen und die weiblichen Wölfe innerhalb des Rudels in zwei, voneinander unabhängigen Rangordnungen leben. Während der Zeit der Fortpflanzung kommt es aber immer wieder zu ,Verschiebungen' dieser ansonsten strengen Rudelordnung. In vielen Rudeln hat man beobachtet, dass, obwohl im alltäglichen Leben der Alphawolf die Rolle des Führers spielt, der Betawolf zum Vater des Nachwuchses wurde. Zwischen den Weibchen lässt sich Ähnliches feststellen. Im allgemeinem vermehrt sich nur das Alphaweibchen, aber es gibt viele Rudel, in welche auch rangniedrige Weibchen Junge haben. Damit möchte ich nur darauf hinweisen, dass im Wolfsrudel ein dynamisches Sozialsystem vorherrscht, welches mit einer gewissen Toleranz der einzelnen Rudelmitglieder einhergeht. Ein ,So ist das und so wird es immer bleiben' gibt es also nicht». © Fotos: Johanna Esser «Ein Hund ist kein Wolf und auch keine Unterart des Wolfes. Daher können wir das Verhalten unserer Hunde auch nicht mit dem Verhalten frei lebender Wölfe vergleichen», sagt Ádám Miklósi. Ein junger Hund muss die Spielregeln der Mensch-Hund-Gemeinschaft von Anfang an lernen, damit das Zusammenleben funktioniert. reichen diese Unterschiede sogar so weit, dass man Wölfe und Hunde als unterschiedliche Arten bezeichnen kann ­ und nicht wie viele Wissenschaftler es leider machen, den Hund als eine Unterart des Wolfes betrachten», meint der Experte. Wie Beobachtungen zeigen, verhalten sich frei lebende Hunde beispielsweise weniger aggressiv als frei lebende Wölfe. Einer Gruppe frei lebender Hunde kann sich also durchaus ein fremder Hund anschliessen, was in einem Wolfsrudel nicht funktioniert. Ausserdem verpaaren sich in einem Hunderudel alle Weibchen und manchmal auch mehrere Männchen, was in einem Wolfsrudel in diesem Ausmass wiederum nicht in Frage kommt. «Diese Beispiele zeigen, dass frei lebende Hunde sich nicht in Wölfe umwandeln, nur weil sie von diesen abstammen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass Hunde keine gezähmten Wölfe sind und sich auch nicht so verhalten. Das klassische Argument, dass der Mensch in der Mensch-Hund-Beziehung das ,Alphatier' sein muss, weil der vom Wolf abstammende Hund ja an solch eine Rangordnung gewöhnt ist, stimmt also einfach nicht», sagt der Wissenschaftler deutlich. Vielmehr weist er darauf hin, dass viele Menschen die Funktion der Rangordnung mit dem Vorgang der Sozialisation verwechseln. Hunde sind keine Wölfe Wenn man das Sozialsystem von Hunden und Wölfen vergleicht, findet man nach Ansicht des Ethologen viele Unterschiede. «Meiner Meinung nach Warum Sozialisation so wichtig ist Viele Probleme zwischen Mensch und Hund sind auf ,Meinungsunterschiede' im Zusammenleben zwischen AkteHund Demoversion · 15

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WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG FAMILIENHUNDE Zwischen einem Hund und seinem Besitzer entwickelt sich im Laufe des Zusammenlebens eine Bindung, genauso wie zwischen Mutter und Kind. Zwei- und Vierbeiner zurückzuführen, da ist sich der Verhaltensforscher sicher. «Häufig denken Hundehalter oder Hundetrainer immer noch, dass Mensch-Hund-Beziehungen nach einem Schwarz-weiss-Schema funktionieren. Und obwohl es im Hunderudel natürlich auch so etwas wie ein ,Alphatier' gibt, ist der ,Führungsanspruch' eines Hundes in den meisten Fällen wesentlich eingeschränkter als bei einem Wolf und umfasst bei Weitem nicht alle Aspekte des sozialen Lebens», erklärt er. «Probleme im Zusammenleben zwischen Mensch und Hund entstehen da, wo die Sozialisierung des Hundes verpasst wird. Junge Hunde, genau wie alle anderen sozial organisierten Lebewesen, erlernen die Spielregeln des Zusammenlebens von ihren Eltern und anderen Mitgliedern der Gruppe. Diese Zeit des Lernens ist die wichtigste Zeit im Leben eines jungen Hundes, da er hier erfährt, was für sein Leben in der Gruppe wichtig ist.Wenn ein Welpe von seiner Mutter getrennt wird, ist er darauf angewiesen, von seinem Menschen die wichtigen Dinge des Zusammenlebens zu erlernen. Scheinbar sind damit leider viele Menschen überfordert, haben keine Zeit dafür oder beschränken ihre Erziehungsmassnahmen auf das Beibringen von Sitz, Platz und Fuss, vergessen aber die wichtigen sozialen Elemente», kritisiert Ádám Miklósi. Der Bindungstest für Hunde Wenn Mensch und Hund eine gewisse Zeit zusammenleben, entsteht zwischen ihnen eine Bindung. Das Wesen dieser Bindung hängt von drei Fak16 · AkteHund Demoversion toren ab: dem Charakter des Hundes, der Persönlichkeit des Menschen und von dem Prozess der Sozialisierung. Ádám Miklósi erforscht, wie man auf wissenschaftlicher Ebene mehr über diese Bindung erfahren und letztendlich wissenschaftlich belegen kann. «Eine Möglichkeit ist, dem Hundebesitzer einfach Fragen zu stellen, welche seine Mensch-Hund-Beziehung charakterisieren. Viele, an der Psychologie interessierte Wissenschaftler haben vielschichtige Fragenkataloge erstellt, um von Hundebesitzern möglichst detaillierte Auskünfte über das Zusammenleben mit dem Hund zu bekommen. Ein Ethologe, wie ich einer bin, glaubt aber mehr an das, was er sieht, als an das, was er erzählt bekommt», sagt der Forscher. Mit einem Team von Berufskollegen suchte er daher nach Situationen und Tests, die eine Bindung regelrecht nachweisen können. Angeregt durch deutsche Forscher, die Tests zur Bindung zwischen Mutter und Kind durchführten, entwickelten er und sein Team sogenannte ,Bindungstests'. Beispielsweise besteht ein Test darin, dass ein Hundebesitzer mit seinem Hund einen Raum betritt, in welchem sich zudem eine fremde Person aufhält. Zunächst bleibt der Besitzer mit im Raum, spielt mit seinem Hund und fordert diesen zur Kontaktaufnahme mit der fremden Person auf. Danach verlässt er den Raum. Nun ist der Hund mit der fremden Person alleine. Nach kurzer Zeit kommt der Besitzer zurück in den Raum. «Bei dieser Art von Tests konnten wir zum Beispiel häufig beobachten, dass viele Hunde den fremden Personen gegenüber sehr aufgeschlossen und freundlich waren, solange der Besitzer dabei war. Auch als der Besitzer dann den Raum verliess, zeigten die meisten Hunde sich weiterhin freundlich, wenn auch distanzierter. Kam der Besitzer schliesslich zurück, war die Freude meist gross und klar zu erkennen. Für mich und mein Team ist so eine Verhalten ein klares Indiz für eine gute Bindung», bekundet der Ethologe. «Aber natürlich gab es auch andere Typen. Einige Hunde vermieden den Kontakt zur fremden Person selbst dann, wenn der Besitzer anwesend war und seinen Hund zur Kontaktaufnahme ermunterte. Andere bemerkten kaum, wenn ihr Besitzer den Raum verliess», ergänzt er. Nachdem das Team mittlerweile weit über hundert Hunde getestet und beobachtet hat, lässt sich die Feststellung machen, dass die Intensität der Bindungsfähigkeit nicht wirklich von der Rasse des Hundes abhängt, da in den meisten Fällen alle ,Bindungstypen' innerhalb einer Rasse gefunden werden konnten. Interessant ist ausserdem, dass in der Bindungsforschung bezüglich Mutter und Kind herausgefunden wurde, dass die Art der Bindung zwischen Mutter und Kind Auswirkungen auf das zukünftige Verhalten des Kindes hat. Das heisst, Forscher fanden Zusammenhänge zwischen der Intensität und der Sicherheit der Bindung und der Bereitschaft für Zusammenarbeit und Aufnahmefähigkeit. «Die nächste Frage in unserer Mensch-Hund-Forschung lautet daher: Wie gestalten sich diese Zusammenhänge in der Mensch-Hund-Beziehung, respektive sind diese Ergebnisse übertragbar?», fasst der Experte zusammen. Hunde passen sich an In den achtziger Jahren zog der amerikanische Ethologe Harry Frank Wölfe und Hunde unter identischen Bedingungen auf. In einer vergleichenden Versuchsreihe konnte er beobachten, wie geschickt die Wölfe die von ihm gestellten Aufgaben lösten. So lernten sie beispielsweise durch Beobachtung des Menschen, wie man eine Gehegetür öffnet. Die Hunde verzweifelten fast an dieser Aufgabe, weil sie die Gehegetür nicht öffnen konnten. Harry Frank nahm an, dass man diesen Unterschied zwischen Hund und Wolf auf arttypische Differenzen zurückführen könne,

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FAMILIENHUNDE Hunde, die darauf angewiesen sind, aus eigener Kraft zu überleben, werden in den meisten Fällen selbst entscheiden, was sie wie und in welcher Situation tun. Auf eine Entscheidung des Menschen zu warten, können sie sich nicht leisten. WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG da Wölfe ohne diese Fähigkeit in der Wildnis nicht überleben würden. «Ich stellte mir schliesslich die Frage, ob es denn nicht sein könnte, dass die Hunde das Gehege gar nicht verlassen wollten, weil ihre Motivation eine andere war. Um diese Frage zu beantworten, stellte ich folgende Hypothese auf: Hunde sind sehr wohl in der Lage, solch einfache Aufgaben zu lösen, aber ihre Motivation ist entweder eine andere als die der Wölfe oder die Bindung an den Menschen hat eine hemmende Wirkung auf das selbständige Agieren des Hundes. Um Antworten zu finden, konstruierten mein Team und ich einen Versuch. Als erstes bauten wir einen rund zwei Meter langen ,Zaun', unter welchem ein Hund mit seinen Pfoten noch so gerade eben hindurch kommen konnte, um an ein kleines Futterstück zu gelangen. Mein Kollege József Topál sass auf der einen Seite des Zauns und hatte das Futter, der Besitzer und sein Hund sassen auf der anderen Seite. Wir forderten den Hundebesitzer auf, für eineinhalb Minuten nicht mit dem Hund zu sprechen. Die eine Hälfte der Probanten bestand aus Hunden, die unter anderem viel im Garten lebten und sich selbst überlassen waren, die andere Hälfte bestand aus Hunden, die ihr Leben in Wohnungen verbrachten. Wie wir es erwartet hatten, gab es grosse Unterschiede zwischen den Garten- und den Wohnungshunden. Die ,Gartenhunde' benötigten nicht viel Zeit, um unter dem Zaun hindurch an das Futter zu gelangen. Die ,Wohnungshunde' hingegen standen ratlos und verwundert vor dem Zaun, sahen ihren Besitzer oder die Testperson mit dem Futter so an, als warteten sie auf ein Zeichen. Nachdem die eineinhalb Minuten vergangen waren, baten wir die Hundebesitzer nun, ihren Hund verbal zu motivieren, das Futter zu nehmen. Die ,Gartenhunde' versicherten sich nun erneut, ob hinter dem Zaun noch Futter war, die ,Wohnungshunde' begannen erst jetzt, das Futter mit ihren Pfoten durch den Zaun zu ziehen, was schliesslich auch sie zum Erfolg führte», ergänzt Ádám Miklósi seine Ausführungen. «Wie diese Versuchsergebnisse gezeigt haben, kann man nicht sagen, dass ein Hund klüger oder intelligenter ist als der andere. Vielmehr ist das Ergebnis ein Indikator dafür, wie wichtig die soziale Bindung zwischen Mensch und Hund ist und wieviel Ein- fluss sie auf das Verhalten des Hundes hat. Ein Hund, der zum grössten Teil sich selbst überlassen im Garten lebt, ist natürlich daran gewöhnt, selbständig Entscheidungen zu treffen, während der Hund, der stets in engem Kontakt mit seinem Besitzer lebt, eher auf das ,ok' und die Anweisungen seines Menschen wartet ­ er hat es so gelernt.» Ádám Miklósi Unterschiedliche Lebensbedingungen wirken sich nachweisbar auf das Verhalten eines Hundes aus. Ein Hund, der häufig sich selbst überlassen ist, wird eher selbständig Entscheidungen treffen als der Hund, der permanent unter der Obhut seines Besitzers steht. Ádám Miklósi ist einer der erfolgreichsten und bekanntesten Ethologen weltweit. Als Leiter des Lehrstuhls Ethologie an der Eötvös-Loránd-Universität Budapest (Ungarn) erforscht er das Verhalten der Hunde, wobei die Erforschung der Mensch-Hund-Beziehung seit einiger Zeit im Mittelpunkt seiner Arbeit steht. AkteHund Demoversion · 17

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MOMENTAUFNAHMEN Die Faszination des Augenblicks 18 · AkteHund Demoversion

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MOMENTAUFNAHMEN Und welcher Hund passt in Ihr Leben? AkteHund Demoversion · 19 © Beate Schwarz

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AUSBILDUNG IN DER THEORIE Natural Dogmanship® ­ die Erziehungsphilosophie von Jan Nijboer FAMILIENHUNDE Neues Denken für Menschen mit Hund Mensch und Hund gemeinsam auf der Jagd ­ das ist einer der Kerngedanken von Natural Dogmanship®. Die von Jan Nijboer entwickelte Philosophie zur artgerechten Erziehung des Hundes setzt die intensive Beschäftigung mit der Denkweise und der Natur dieses sozialen Beutegreifers voraus. Natural Dogmanship® liefert keine Tipps und Tricks, um ein bestimmtes Verhalten beim Hund einfach abzustellen, vielmehr werden die Ursachen bestimmter Verhaltensmuster ergründet, um danach richtig darauf eingehen zu können. Das soziale Rudelverhalten des Hundes spielt eine genauso entscheidende Rolle wie seine Instinkte (Territorium, Sexualität, Jagd). Diese Eigenschaften, insbesondere der Jagdinstinkt, werden nicht unterdrückt, sondern direkt angesprochen und für die Erziehung genutzt. Durch die gemeinsame Jagd lernt der Hund, was im Leben wichtig ist und auch noch Spass macht: Er konzentriert sich auf seinen Besitzer und folgt ihm ­ körperlich und geistig. Natural Dogmanship® lässt Menschen und ihre Hunde die gleiche, gemeinsame Sprache finden. KITTY SIMIONE Der Hund darf nicht nur als ein soziales Familienmitglied betrachtet werden, denn er ist weit mehr als das. Als sozial lebender Beutegreifer, der territorial orientiert ist und, wie andere Lebewesen, auch sexuelle Bedürfnisse hat, sind seine Instinkte symbolisch für seine biologischen Bedürfnisse. Er beurteilt die Welt nach seinen eigenen Kriterien. Wer ist für die Sicherheit zuständig? Wer verteidigt? Wer erfüllt welche Aufgabe während der gemeinsamen Jagd? Natural Dogmanship® beschäftigt sich damit, wie man die Instinkte des Hundes direkt ansprechen kann. Die Philosophie sieht die arttypischen Verhaltensmuster eines Hundes, die oftmals als störend empfunden werden, nicht als Last sondern als Kapital. Es geht nicht darum, dem Tier ein Fehlverhalten abzugewöhnen. Vielmehr macht sich Jan Nijboer Gedanken darüber, wie der Mensch dem Hund gerecht werden kann. Unbefriedigte Bedürfnisse des Hundes sind meist der Ursprung für alle möglichen Formen von Problemverhalten. Problemhunde gibt es nicht, davon ist der Hundeexperte überzeugt. Die Schwierigkeit liegt höchstens darin, dass der Menschen etwas von seinem Hund will, was dieser aber scheinbar anders sieht. Problematisch ist also eher die Kommunikation zwischen Mensch und Hund. Viele Ver20 · AkteHund Demoversion Viele Verhaltensformen, wie beispielsweise das Schnuppern, haben kommunikativen Charakter, werden vom Menschen aber oft nicht als Mitteilung erkannt. haltensformen des Hundes haben kommunikativen Charakter, werden aber von Hundebesitzern oft nicht als solche erkannt ­ das Fressen von Gras, das Schnuppern oder das Markieren gehören beispielsweise dazu. Im Umgang mit dem Hund hat der Mensch eine führende, lehrende Rolle einzunehmen, die durchaus vergleichbar mit der Rolle der Eltern bei Kindern ist. Dennoch besteht ein wesentlicher Unterschied. Unsere Gesellschaft lässt es nicht zu, dass Hunde selbständig und unabhängig handeln. Während man Kinder der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und Selbständigkeit zuführt, sollte ein Hund sein Leben lang in einer gewollten Abhängigkeit vom Menschen gehalten werden. Der Hund braucht Führung, 24 Stunden pro Tag. Das ist ein Prozess, der sich nicht nur auf dem Trainingsplatz sondern anhaltend und ohne Unterbruch abspielt. In diesem Prozess ist der Mensch ein Vorbild. Seine Handlungen bestimmen im Wesentlichen die Aktionen des Hundes. Erziehung sollte nicht in Form von Dressur geschehen, denn diese Form der Konditionierung berücksichtigt meist nur die Bedürfnisse des Menschen und respektiert diejenigen des Hundes zuwenig. Auch das Selbstlernprinzip durch Versuch und Irrtum findet unter Natural Dogmanship® wenig Zustimmung, denn es beinhaltet automatisch, dass der Hund selbständiger und unabhängiger wird und dadurch auch weniger sozial agiert. Soziales Lernen hingegen unterbreitet ihm Vorschläge und Hilfestellungen. Diese Form des Lernens ist nur über eine gut funktionierende Kommunikation möglich. Jan Nijboer legt Wert auf eine wirkliche Partnerschaft, eine familiäre Beziehung. Sie steht ihm Gegensatz zu einer Form der Geschäftsbeziehung, wie sie im «Leckerchen-Training» mit Hunden aufgebaut wird. Wenn der Hund eine Anweisung befolgt, bekommt er dafür ein Leckerchen ­ das ist ein Handel. Soziale Anerkennung sollte aber für den Hund ein viel grösserer Motivator sein. Gemeinsames Handeln mit der Orientierung auf ein gemeinsames Ziel schafft eine viel engere Beziehung. Dieses gemeinsame Tun führt gleichzeitig dazu, dass man sich gegenseitig besser kennen lernt. Durch reines Befolgen von Befehlen wird vom Hund verlangt, sein eigenes Denken auszuschalten. Er muss seine eigene Persönlichkeit wegstecken und darf nur das tun, was der Mensch von ihm möchte. Dadurch lernt er seine Bezugsperson im Grunde auf eine sehr unsympathische Weise kennen.Viel wertvoller ist es doch, wenn es dem Menschen gelingt, sich selbst so zu ©Fotos: Natural Dogmanship®, Jan Nijboer

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FAMILIENHUNDE AUSBILDUNG IN DER THEORIE Buchempfehlung entwickeln, dass der Hund einen Sinn darin sieht, ihm zu folgen. Sobald der Hund die Möglichkeit bekommt, die Handlungen des Menschen zu verstehen, wird er ihm auch körperlich folgen. Hundeerziehung sollte sich viel mehr mit Führungstraining für den Menschen als mit Unterordnungstraining für den Hund beschäftigen. Jeder Mensch, der Unterordnungstraining am eigenen Leib zu spüren bekommt, wird es für sich selbst sofort vehement ablehnen. Mit dem Hund tut er es aber täglich. Viele Hunde arbeiten unter starker Anspannung, was sich aber meist erst nach dem Training zeigt. Frust und Stress, die sich während der Unterordnung anstauen, lassen sie oft nach der Arbeit durch respektloses Verhalten raus. Sobald der Druck nachlässt, springen sie beispielsweise den Halter an oder versuchen, eine Beute aus dessen Hand zu greifen. Das hat nichts mit Freude an der Arbeit zu tun und wird häufig missverstanden oder einfach nicht beachtet. Doch das sind klare Aussagen des Hundes, der seinem Missmut Ausdruck verleiht, immer und immer wieder. Menschen müssen wieder viel über die Körpersprache des Hundes lernen. Was früher selbstverständlich war, ist in Vergessenheit geraten. Kulturell bedingte Wandlungen in der Lebensform des Menschen haben dazu geführt, dass das Verständnis für den Hund weitgehend verloren gegan- gen ist. Der frühe Mensch war ein Nomade und ein Jäger, der auf dem eigenen Territorium herumzog und an dessen Grenzen Kriege mit benachbarten Stämmen führte. Ein Leben, das für den Hund nachvollziehbar war und in welchem er ebenfalls Aufgaben zu erfüllen hatte. Diese Menschen gingen nicht mit Hunden spazieren sondern bildeten mit ihnen eine Zweckgemeinschaft. Heute bedeutet der Spaziergang in der Natur Erholung für den Menschen. Hier kann er die Seele baumeln lassen, die frische Luft geniessen und den Alltagsstress vergessen. Der Hund kann das nicht nachvollziehen. Er geht mit einer ganz anderen Motivation nach draussen. Er bewegt sich nicht einfach der Bewegung willen, sondern verfolgt ein klares Ziel und wundert sich dabei über seinen Menschen, der sich so gar nicht für die verlockenden Düfte auf dem Waldboden interessiert und scheinbar teilnahmslos durch die wunderbarsten Jagdgebiete schlendert. Dem Hund wird schnell klar, dass sein Mensch im jagdlichen Bereich alles andere als ein Vorbild ist und schon sind Probleme geboren.Aus dem gewünschten Miteinander wird ein Nebeneinander oder im schlimmsten Fall ein Gegeneinander. Die folgenden Bücher erlauben einen tieferen Einblick in die Philosophie von Jan Nijboer: · Hunde verstehen mit Jan Nijboer · Hunde erziehen mit Natural Dogmanship® · Hunde beschäftigen mit Jan Nijboer · Treibball für Hunde Zu diesen Themen sind auch Videos und DVDs erhältlich. Kontaktadresse: Natural Dogmanship® Zentrale Geschäftsleitung Jan Nijboer Steimeler Strasse 10 D-57614 Niederwambach Telefon: 0049 (0)2684 956314 info@natural-dogmanship.de www.natural-dogmanship.de Die gemeinsame Jagd Natural Dogmanship® lehrt das gemeinsame Jagen mit dem Hund, doch nicht nur das. Es erklärt auch, wie verschiedene Instinkte eng ineinander greifen und das Handeln des Hundes beeinflussen. Jeder Hund ist territorial veranlagt. Die einen mehr, die anderen weniger. Das Sichern eines Territoriums hängt immer auch mit dem Absichern von Ressourcen zusammen. Eine der wichtigsten Ressourcen ist die Nahrung. Ist der Mensch, zusammen mit seinem Hund, mit Nahrungserwerbverhalten beschäftigt, beeinflusst dieses Tun auch das Territorialverhalten des Gemeinsames Handeln mit der Orientierung auf ein gemeinsames Ziel verbessert die Kommunikation zwischen den Partnern und stärkt ihre Bindung. AkteHund Demoversion · 21

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AUSBILDUNG IN DER THEORIE FAMILIENHUNDE Der Preydummy® ist ein mit Futter gefüllter Leinenbeutel. Damit können dem Hund möglichst natürliche Beschäftigungsformen im Zusammenhang mit der Nahrungsbeschaffung angeboten werden. Hundes. Ist es für ihn klar, dass er mit seinem Besitzer immer Beute macht und die Nahrungsressourcen durch die Jagd mit dem Menschen ausreichend gesichert sind, wird er sein Territorium weniger verteidigen. Jedem Tier sollten im Zusammenhang mit der Nahrungsbeschaffung die damit verbundenen, natürlichen Beschäftigungsformen ermöglicht werden. Ein Aspekt, dem auch in Tiergärten immer mehr Beachtung geschenkt wird und der auch in der Schweizer Tierschutzverordnung aufgenommen worden ist. Natürlich kann dem Haustier Hund keine lebende Beute mehr angeboten werden, weshalb in der Philosophie von Jan Nijboer der Preydummy® (ein mit Futter gefüllter Leinenbeutel) zur Anwendung kommt. Diese Ersatzmöglichkeit erlaubt es dem Hund, die Beute anzupirschen, sie zu jagen, zu greifen und sie zu «töten». Ursprüngliche Verhaltensweisen kann der Hund dadurch voll ausleben. «Der Futternapf ist eine Kulturschande», schmunzelt Jan Nijboer. «Er macht es dem Menschen viel zu bequem, den Hund zu füttern und macht gleichzeitig die biologische Uhr des Hundes kaputt. Jagen ­ fressen ­ verdauen, das wäre der natürliche Ablauf, doch wie geht der heutige Mensch mit diesen biologischen Gesetzmässigkeiten um? Viele Menschen halten ihre Hunde für Lauftiere mit einem Bewegungs- und Schnupperbedürfnis, weshalb sie mit ihnen spazieren gehen. Ein Hund will aber nicht spazieren gehen, er will jagen, was sein Mensch aber offensichtlich nicht versteht. Frustriert kehrt er nach Hause zurück, weil seine Grundbedürfnisse einmal mehr nicht befriedigt worden sind. Zuhause bekommt er dann sehr bequem sein Essen aus dem Napf, obschon er dafür keine anstrengende Jagd hinter sich bringen musste. Dieses Erlebnis ist ihm verwehrt geblieben, obschon es für eine gute Ver22 · AkteHund Demoversion dauung sehr anregend gewesen wäre. Oft kompensieren Hunde diesen Mangel an effektiver Beschäftigung, die eigentlich zum Essen gehören würde, mit den so genannten verrückten fünf Minuten, in welchen sie wild umherrasen. Natürliche Verhaltensmuster können schon beim Welpen beobachtet werden. Er muss sich bewegen, um an die Zitze der Mutter zu gelangen, was unter Umständen mit viel Kraftaufwand verbunden ist. Seine Anstrengungen haben aber einen Sinn. Er ist auf der Suche nach Nahrung und Wärme. Nach der Nahrungsaufnahme, die ihn ebenfalls viel Kraft kostet, folgt eine Schlaf- und Erholungsphase. Der aufregenden Suche nach Nahrung, folgen die Befriedigung in der Nahrungsaufnahme und anschliessend die Ruhephase. Der Mensch macht aber diese innere Uhr kaputt, was zu Allergien, Nervosität, Verdauungsproblemen oder frustriertem Verhalten führen kann.» In der gemeinsamen Jagd geht es weniger um die Quantität als um die Qualität der Beschäftigung. Es muss nicht täglich zwei Stunden nach Beute gesucht werden, denn das würde den Hund viel zuwenig fordern. Die wahre Herausforderung kommt in dem Moment, in welchem die Beute ins Spiel kommt. Dann setzt der Hund alle seine Sinne ein, ist konzentriert und in positiver Weise unter Spannung. Konzentriert sich der Mensch in gleicher, intensiver Form auf die Beute, kann eine feine, abgestimmte Kommunikation zustande kommen, da beide Individuen das gleiche Ziel verfolgen und nur zusammen zum Erfolg kommen können. Partnerschaft statt Partner-Ersatz Der Wandel in den Lebensformen des Menschen hat auch zu ganz unterschiedlichen Einstellungen gegenüber dem Hund geführt. Der einstige Jagdgehilfe des Menschen erfüllt heute viel- fach nur noch eine vorwiegend sozialemotionale Rolle. Er ist zum Kind-Ersatz, Partner-Ersatz, Freizeitgefährten oder auch zum Freizeitgerät geworden. Der Mensch projiziert in ihn die eigenen Bedürfnisse, während diejenigen des Tieres weitgehend auf der Strecke bleiben. Hunde können Opfer von Mensch-Hund-Beziehungen werden, in welchen die Nöte des Tieres nicht erkannt werden. Viele Menschen besuchen keine Hundeschule, da der Hund ihnen keine Probleme macht, was aber nicht bedeutet, dass der Hund selbst keine Probleme hat. Wenn ein Hund problematische Verhaltensweisen zeigt, dann ist er mit der Lösung seiner inneren Konflikte beschäftigt, die er schon lange mit sich herum trägt. Die meisten Menschen, deren Hund keine Schwierigkeiten bereitet, bewerten irrtümlicherweise ihre Beziehung zu ihm als sehr positiv. Sie ist es aber nur dann, wenn wirklich die Interessen beider genügend befriedigt werden. Das ist wahre Partnerschaft. Natural Dogmanship® zu verstehen, ist bei vielen Menschen ein Prozess. Die allgemein gültige, in der Gesellschaft weit verbreitete Meinung gibt noch immer vor, dass Hunde viel Bewegung, Auslauf, zur vorgegebenen Zeit ihr Futter und einen möglichst schematisierten Tagesablauf benötigen. Jan Nijboer bringt Menschen zum Nachdenken. Sie sollen lernen, gefestigte Strukturen zu hinterfragen und ihren Hund intensiver zu beobachten. Wie sieht die Partnerschaft mit dem eigenen Hund denn konkret aus? Was drückt das Tier durch sein Verhalten aus? Warum tut es, was es tut? Soll das Verhalten des Hundes geändert werden, dann muss sich oft auch der Mensch in seinem Verhalten ändern. Davor schrecken viele zurück. Gewohnheiten abzulegen und Veränderungen anzunehmen, fällt vielen schwer. Es birgt aber auch faszinierende Chancen. Den Lernprozess, den der Hundeexperte anregen will, umschreibt er sehr simpel: «Menschen gehen ganz unterschiedlich mit ihren Hunden um. Ich verurteile nie, was andere tun, auch wenn ich selbst gewisse Formen der Erziehung nicht anwenden würde. Hundehalter kommen meist mit positiven Absichten zu mir. Sie wollen verändern, haben aber keine Ahnung, wie sie das machen sollen. Sie wissen nicht, was man wissen muss. Das kann

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FAMILIENHUNDE AUSBILDUNG IN DER THEORIE Können Hunde lächeln? mein keinem Menschen übel nehmen. Über verschiedenste Übungen, Beobachtungen und Denkanstösse bringt man eine Person in eine Phase, in der sie weiss, dass sie vieles noch nicht weiss. Mit der gezielten Schulung des Menschen wird er sich in der nächsten Phase dieses Wissen aneignen. Nun weiss er, was man wissen muss. Schwierig ist es, wenn ein Hundehalter über das Wissen verfügt, es dann aber bewusst nicht anwendet. Das Zurückfallen in alte Verhaltensmuster kommt immer wieder vor, sowohl beim Menschen als auch beim Hund. Das ist ganz normal. Der Umlenkungsprozess im Denken und Handeln der Hundehalter braucht Zeit und Geduld. Das Umdenken des Experten Die Grundlagen zu Natural Dogmanship® sind zu einem grossen Teil in der früheren, beruflichen Tätigkeit von Jan Nijboer zu suchen. In der Arbeit mit schwer erziehbaren Jugendlichen konnte er beobachten, wie unter einem leistungsbezogenen System der Druck Die gemeinsame Jagd nach dem Preydummy® ist für den Hund nachvollziehbar. Er kann seinem Menschen gedanklich folgen und tut es deshalb auch körperlich. auf das einzelne Individuum ständig angestiegen und Heilungsprozesse verhindert worden sind. Zudem standen die jungen Menschen teilweise unter Dauerstress, weil sie in einer Gruppe Gleichaltriger leben mussten ­ Tag und Nacht. Es gab für sie keine Rückzugsmöglichkeiten. Die Unterbringung der Jugendlichen und die Therapieansätze mussten komplett verändert werden, um eine Verbesserung zu erzielen. In Gesprächen wurde wachsam zugehört, um das Handeln der jungen Menschen zu verstehen. Gleichzeitig war Jan bereits hobbymässig auf dem Hundeplatz beschäftigt und stellte plötzlich auch dort sein eigenes Handeln in Frage, weil er sehr viele Parallelen zu seinen beruflichen Erfahrungen feststellen konnte.Wachsam zuhören, um das Verhalten des Hundes verstehen zu können, wurde auch auf dem Trainingsplatz immer wichtiger. Die Unterordnung der Unterordnung willen, die er als Übungsleiter für Begleithunde und Schutzhunde immer wieder predigte, stellte er vermehrt in Frage und kam dann ganz davon ab. Natural Dogmanship® kann aber auch gewisse Gefahren beinhalten, erklärt Jan Nijboer: «Wenn man in einer Beziehung jahrelang Probleme hatte, die nie an die Oberfläche gekommen und ausdiskutiert worden sind, kann es zu Schwierigkeiten kommen. Durch den Einbezug des Preydummys® in eine Mensch-Hund-Beziehung können solche latenten Probleme plötzlich ausbrechen, da sich der Hund in seinen Bedürfnissen direkt angesprochen fühlt und sich seine Ansprüche sichern möchte. Es kommt auch vor, dass der Futterbeutel falsch eingesetzt wird, dann ist er nichts anderes als ein Lekkerlibeutel, aus welchem der Hund für jedes gewünschte Verhalten seine Bezahlung bekommt. Das ist nicht Natural Dogmanship®, so wie ich es verstehe, denn es macht die innere, biologische Uhr genauso kaputt wie das LeckerliTraining. Solange sich der Hund gefühlsmässig noch in der aufregenden Jagdsituation befindet, füttere ich ihn nicht. Ich erinnere nochmals an die drei Komponenten Jagen ­ Fressen ­ Verdauen. Weitere Schwierigkeiten können entstehen, wenn der Hund aufgrund der bisherigen Beziehung der Meinung ist, für die Sicherheit seines Menschen verantwortlich zu sein. Geht Mittlerweile gibt es zahlreiche Fotos von lächelnden oder auch grinsenden Hunden, insbesondere die Dalmatiner sind dafür berühmt geworden. Bisher ist allerdings wenig darüber bekannt, warum Hunde das Lächeln zeigen. Imitieren sie einfach «ihre» Menschen? Oder ist das Lächeln eine übertriebene Demutsgeste, die entstanden ist, da Menschen auf abgeschwächtere Signale nicht entsprechend reagiert haben? Warum zeigen nicht alle Hunde das Lächeln? Diese Fragen sind Teil eines Forschungsprojekts, für welches Ihre Hilfe benötigt wird. Wenn Sie einen grinsenden, lachenden oder lächelnden Hund haben oder einen solchen kennen, schicken Sie bitte Videoaufnahmen von diesem Verhalten an Frau Dr. Feddersen-Petersen und fordern Sie gleichzeitig den entsprechenden Fragebogen an. Bitte beachten Sie, dass leider keinerlei Kosten übernommen werden können. Vielen Dank für Ihr Engagement und Ihr Interesse an der Haushundforschung! Dr. Dorit Feddersen-Petersen Zoologisches Institut Haustierkunde Am Botanischen Garten 1-9 D-24118 Kiel E-mail: dfeddersen@zoologie.uni-kiel.de Dr. Iris Mackensen-Friedrichs Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) Olshausenstrasse 62 D-24098 Kiel E-Mail: mackensen@ipn.uni-kiel.de dieser Mensch dann mit seinem Hund und dem Preydummy® in eine Problemzone hinein, ohne dass an der Beziehung Grundlegendes verändert worden ist, kann es durchaus sein, dass sich das unerwünschte Verhalten des Hundes weiter verstärkt. Solange der Hund das Vertrauen nicht entwickeln konnte, dass der Mensch für die gemeinsame Sicherheit zuständig ist, wird sein problematisches Verhalten, das er in Reizsituationen zeigt, nicht verändert werden können. Natural Dogmanship® ist faszinierend anders und in der Umsetzung klar strukturiert. Diese Umsetzung wird in der AkteHund in regelmässigen Beiträgen dokumentiert. Werden auch Sie zu einem verlässlichen Jagdbegleiter Ihres Hundes, der dessen Bedürfnisse erkennt, respektiert und korrekt darauf eingehen kann.Wir zeigen Ihnen wie. AkteHund Demoversion · 23

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SEMINARE, WORKSHOPS UND VORTRÄGE Themenabend mit Anton Fichtlmeier in Schwabniederhofen GER FAMILIENHUNDE Das Kontakthalten fördern Individuen, ob Menschen oder Tiere, die in einer Beziehung zueinander stehen, kommunizieren über Lautäusserungen, Gesten, Mimik und ritualisierte Verhaltensweisen miteinander. Kommunikation findet immer statt, sie ist aber in ihrer Qualität und vielfach auch in der Quantität sehr unterschiedlich. Gelingt es dem Menschen tatsächlich, sensibel mit dem Hund zu kommunizieren und sich auf dessen Wesen einzulassen oder wird der Hund nur dressiert und zum Sozialpartner, Spielzeug oder Sportgerät umfunktionalisiert? Ein unsensibler Umgang mit dem Hund und das daraus entstehende, unkontrollierte Verhalten des Tieres prägen das Bild heutiger Hundehaltung. Dabei wäre es so einfach, den Hund innerhalb weniger Augenblicke auf faire und für ihn verständliche und akzeptable Weise zu beherrschen! KITTY SIMIONE Wer das Kontakthalten seines Hundes fördern will, sollte sich zuerst über die Natur des Tieres und im Speziellen über dessen Genetik Gedanken machen.Wozu ist der Hund gezüchtet worden? Was sind seine ausgeprägten Erbanlagen? Was kann er leisten und wo liegen seine Grenzen? Unsere heutige Gesellschaft erwartet, dass jeder Hund die gleichen Leistungen erbringt. Er darf nicht jagen, nicht zu stark bewachen und auch nicht anhaltend bellen. Der Mensch verlangt Fähigkeiten, die aufgrund der genetischen Vielfalt der Hunde gar nicht von jedem Tier gezeigt werden können. Der Hund ist in seinen Sinnesleistungen hoch spezialisiert, doch leider sind unsere heutigen Familienhunde zu «arbeitslosen Spezialisten» geworden. Bei jedem Hund laufen in seiner Entwicklung vorgegebene Programme ab, die der biologischen Reifung unterliegen. Wird der Hund nicht ausreichend beschäftigt, sucht er sich seine Arbeit selbst aus und dabei werden angeborene Verhaltensmuster deutlich, die in der heutigen Zeit unerwünscht sind. dem Menschen, Reize so an den Hund anzulegen, dass dessen Instinktbereich angesprochen wird, reagiert der Hund augenblicklich darauf und er wird sofort kontrollierbar. Dabei gibt es Reize, die den Hund motivieren und solche, die ihn in seinem Handeln hemmen. Ein Beispiel eines Reizes, der sich motivierend auf den Hund auswirkt, ist das Füttern aus der Hand. Nimmt der Hund auf ein Schnalzen des Menschen Blickkontakt mit ihm auf, bekommt er ein Gramm Futter. Bald wird sich der Hund nur noch so weit vom Menschen entfernen, dass er das Schnalzen nicht überhört und sofort zur Stelle ist, um das nächste Gramm Futter anzunehmen. Selbst wenn er fünfzig Meter von seinem Besitzer entfernt ist, wird der Hund durch das Schnalzen und die motivierende Stimme des Menschen ausgelöst und er kehrt zu ihm zurück. Der Hund kann gar nicht anders. Geht seine Bezugsperson dabei noch in die Hocke, wird das Tier noch freudiger zu ihm laufen und die erwartete Futterration entgegennehmen. Schnell baut er eine positive Erwartungshaltung auf und verknüpft sein Handeln, sei es der Blickkontakt oder auch das Herankommen, mit der darauf folgenden Belohnung. Eine Erwartungshaltung baut sich über Erfahrungen auf. Kommt der Hund in eine Situation, die er ganz ähnlich schon einmal erlebt und dabei entsprechende positive oder auch negative Erfahrungen gemacht hat, wird er sie wieder erkennen und die gleiche Reaktion auf sein Handeln erwarten. Sieht er den Menschen in der Hocke, freut es sich auf Streicheleinheiten und Futter. Die Hocke kann für ihn aber nur ein positives Signal bleiben, wenn er dort auch immer die gleichen, positiven Erfahrungen machen darf. Kommt es aber vor, dass er beim Menschen in der Hocke eingefangen, festgehalten und angeleint wird oder dass bei seinem Herankommen sofort Unterordnungselemente eingebaut werden, wird er auf die Hocke unsicher reagieren, weil er nie weiss, mit welchem Verhalten des Menschen er rechnen muss. Je präziser der Mensch kommuniziert, umso konstanter wird der Hund antworten. Um das Kontakthalten des Hundes zu fördern, empfiehlt Anton Fichtlmeier, den Hund ausschliesslich aus der Hand zu füttern. 24 · AkteHund Demoversion Die Natur des Hundes Ein Hund reagiert auf Reize nicht mit Vernunft oder Verstand ­ er überlegt nicht, was in einer bestimmten Situation zu tun ist, sondern erliegt seinen eigenen, spontanen Ideen. Diese werden in ihm durch Düfte, Bewegungsreize oder bestimme Laute geweckt, können aber durch geschicktes Handeln des Menschen unterbrochen und umgelenkt werden. Die Reaktionen eines Hundes auf Umwelteinflüsse entspringen immer seiner genetischen Veranlagung und seinen Instinkten. Gelingt es

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FAMILIENHUNDE SEMINARE, WORKSHOPS UND VORTRÄGE Jede Rasse und auch jedes einzelne Individuum innerhalb einer Rasse verhält sich seinen Erbanlagen und seinen Instinkten zufolge unterschiedlich. Reize, die den Hund in seinem Handeln hemmen sollen, müssen zeitlich korrekt, in ihrer Intensität angepasst und möglichst frei von Emotionen erfolgen. Wie das genau getan werden muss, hängt von der individuellen Beziehung des Halters zu seinem Tier ab. Dem einen Hund kann durch ein selbstsicheres Präsentieren der eigenen Persönlichkeit schon klar gemacht werden, dass sein Verhalten unerwünscht ist. Bei anderen Hunden sind deutlichere Zeichen von Missmut nötig, um einen Verhaltensabbruch zu erzielen. Dass Hunde den Reizen aus dem Umfeld erliegen, ist in der Begegnung mit Artgenossen deutlich zu beobachten. Sie zeigen eine sehr hohe Bindungsflexibilität und sind in der Lage, innerhalb weniger Sekunden durch ritualisierte Verhaltensmuster Übereinkünfte zu treffen. Sie können einander einschätzen und sich augenblicklich auf ihr Gegenüber einstellen. Diese Bindungsflexibilität erlaubt es dem Hund auch, sich sehr schnell in eine soziale Gruppe von Menschen oder Artgenossen einzugliedern. Hunde bilden keine Rudel mit starren hierarchischen Positionen, selbst wenn das bei bestimmten nordischen Rassen oder auch Herdenschutzhunden, die noch sehr instinktsicher reagieren, so erscheinen mag. Mehrere Hunde innerhalb einer sozialen Gruppe, also auch innerhalb einer Menschenfamilie, befinden sich stets in konkurrierendem Verhalten, um für sich selbst den grösstmöglichen Vorteil zu erzielen. Natürlich orientieren sie sich an den souveränen Tieren innerhalb der Gruppe, die eigene Wege gehen, dadurch eine Führungsposition einnehmen und auch eine gewisse Sicherheit versprechen, doch die Stellung des einzelnen Tieres kann sich stetig verändern. In jeder Situation werden neue Übereinkünfte getroffen und es braucht nur eine einzige Wiederholung und schon kann der Hund seine Position einschätzen und sein Verhalten anpassen. Diese Tatsache steht im starken Gegensatz zu den gebräuchlichen Konditionierungsmodellen, die mehrere hundert Wiederholungen verlangen, bis der Hund verstanden hat, was von ihm verlangt wird. Wie kann es zu solch unterschiedlichem Lernverhalten kommen? Braucht ein Wachhund tatsächlich fünfhundert Wiederholungen, bis er erkennt, ob der Eindringling gefährlich ist oder nicht? Braucht der Terrier im Fuchsbau genauso viele Wiederholungen, bis er die Stärke seines Gegners richtig einschätzen kann, um ihn dann erst zu attackieren? Das würde ihn vermutlich das Leben kosten. Reize, die somit den Instinkt des Hundes berühren, können mit einer einzigen Wiederholung richtig beantwortet werden. Verlangt der Mensch von seinem Hund aber Aufgaben, die ihn nicht auf dieser Ebene ansprechen und das Tier nicht in seinem ursprünglichen Wesen erfassen, so sind tatsächlich viele Wiederholungen nötig, um ein konstantes Verhalten anzutrainieren. Dann spricht man aber von Dressur und nicht von Kommunikation. Dressur- und Konditionierungsmethoden, die der Mensch im Umgang mit seinem Hund anwendet, wird man im Verhalten der Hunde untereinander niemals finden, weshalb sie auch für das freiwillige Kontakthalten des Hundes unbrauchbar sind. Der Hund in der Gruppe Hunde, die sich begegnen, treffen also Übereinkünfte und dabei sind vor allem die ersten Momente von Bedeutung, wenn die Tiere von der Leine gelassen werden. Sie bringen ihre Persönlichkeit ganz unterschiedlich ein, erfahren sich selbst und lernen ihre Wirkung auf andere Sozialpartner kennen. Innere Stimmungen der einzelnen Tiere werden sofort und unmissverständlich vermittelt. Es wird gestossen, angesprungen, gescharrt, bestiegen und im Freiraum begrenzt, die körperliche Fitness im schnellen Lauf demonstriert ­ jeder Hund handelt auf seine ganz individuelle Weise, tut dies aber in immer wiederkehrenden und somit ritualisierten Abläufen. Das hat nichts mit Spiel zu tun, zumindest dann nicht, wenn es sich um eine zufällig zusammengesetzte Gruppe von Hunden handelt. Bei Tieren, die sich sehr vertraut sind, kann es sicherlich auch zu spielerischem Verhalten aus purer Lebenslust kommen, nicht aber bei grundsätzlich fremden Tieren. Die Hunde reagieren auf Aktionen der anderen und werden durch Geruchs- oder Bewegungsreize ausgelöst. Sie müssen reagieren, dem können sie sich nicht verwehren. Eine Situation geht nahtlos in die Nächste über. Die Prozesse, die dabei stattfinden, können in Gruppen bildende, Gruppen organisierende und Gruppen zusammenhaltende Verhaltensmuster unterteilt werden. Jeder dieser Bereiche wird wieder definiert durch Interaktionsmuster, Interaktions-Spielmuster und Strukturierungsmuster. Die Reaktionen eines Hundes sollten immer eine soziale Komponente beinhalten und dem Gegenüber eine klare Absicht kommunizieren, doch da sind grosse Unterschiede zu beobachten. Es gibt Hunde, die deutlich strukturieren, in jedes Gerangel zielsicher eingreifen und Ruhe in AkteHund Demoversion · 25

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SEMINARE, WORKSHOPS UND VORTRÄGE FAMILIENHUNDE Wenn Hunde sich begegnen, treffen sie Übereinkünfte. Sie können einander einschätzen und sich sofort auf ihr Gegenüber einstellen. eine Gruppe bringen. Sie organisieren die Gruppe und sind darum besorgt, dass keine Begegnung aus dem Ruder läuft. Dann gibt es aber auch andere, die sehr planlos von einer Aktion in die Nächste übergehen, überall etwas mitmischen, aber keine wirkliche Botschaft vermitteln und deshalb von den anderen Hunden auch gar nicht richtig wahrgenommen werden. Ist Unruhe in einer Gruppe, werden diese Tiere sie übernehmen und nicht wissen, was sie dagegen unternehmen sollen. Jede einzelne Rasse, jedes einzelne Individuum verhält sich seinen Erbanlagen und seinen Instinkten zufolge unterschiedlich. Sämtliche Verhaltensmuster, die Hunde zeigen, laufen auch zwischen Mensch und Hund ab und können durch den Menschen sogar bewusst initiiert werden. Allerdings klappt diese Form der Kommunikation nur, wenn der Mensch das richtige Timing kennt und sich genau in der richtigen Intensität und mit dem korrekten Verhalten einbringen kann, die auch der Hund anwenden würde. Das Persönlichkeitsprofil des Hundes, das er in der innerartlichen Gruppe zeigt, ist entscheidend für den Umgang des Menschen mit diesem Hund. Es gibt Auskunft darüber, welche Verhaltensweisen und welche Situationen mit ihm eher vermieden und welche Eigenschaften speziell gefördert werden sollen. Ein stark strukturierender Hund, der sich wöchentlich in einer Gruppe erfährt und dadurch seine Selbstsicherheit laufend verfeinern kann, wird irgendwann das gleiche Verhalten auch dem Menschen gegenüber zeigen. Die Probleme sind vorprogrammiert. Häufige Problemstellungen und Lösungsansätze Problemlösungsmöglichkeiten können an einem Vortragsabend nur in Form von Ideen weitergegeben werden. Diese Ansätze sollen aber zumindest dazu anregen, die persönliche Beziehung zum Hund genauer zu definieren und zu bewerten. Die Problemstellungen sind bekannt und weit verbreitet: Der Hund hat kein Interesse am Menschen, beachtet dafür mit Hingabe alle Artgenossen und Gerüche, «hört» nicht, ist unkonzentriert, nervös oder unruhig und geht seine eigenen Wege. Der Mensch ist ganz einfach nicht mehr spannend für den Hund, weil es ihm nicht gelingt, die Abhängigkeit, die ein Welpe schon zeigt, beibehalten zu können. Schon beim Züchter sollten das freudige Herankommen, das Tauschen eines Gegenstandes gegen Futter oder die Aufnahme des Blickkontaktes täglich geübt und auch später, in der Familie, weitergeführt werden. Folgschaft ist ein Grundmuster im Verhalten des Welpen. Er läuft seiner Mutter aus innerem Antrieb überall hin nach. Das kann sich der Mensch zu Nutze machen. Abläufe, die der Hund schon als Welpe lernt, wird er ein Leben lang zeigen. Er kennt es ja nicht anders. Wenn ein Hund sich wirklich verstanden fühlt, wird er von sich aus die Nähe des Menschen suchen. Dazu muss die Natur des Hundes bekannt sein und der Wechsel zwischen Motivation und Androhung auch gekonnt umgesetzt werden. Funktioniert diese Kommunikation zwischen Mensch und Hund, kann die gemeinsame Zeit durch Apportierübungen, Nasenarbeit oder das Verweisen eines Gegenstandes oder eines Menschen interessant gestaltet werden. Jeder Hund bringt seine Persönlichkeit ganz unterschiedlich in die Gruppe ein. Eine Möglichkeit dafür ist das Demonstrieren der körperlichen Fitness. 26 · AkteHund Demoversion

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FAMILIENHUNDE Durch Apportierübungen, Nasenarbeit oder das Verweisen von Menschen oder Gegenständen können die Spaziergänge interessant und abwechslungsreich gestaltet werden. SEMINARE, WORKSHOPS UND VORTRÄGE Nun lässt sich der Hund auch nicht mehr durch andere Dinge rund um ihn herum ablenken.Weiter kann die Konzentration des Hundes und seine Orientierung am Menschen gefördert werden, indem gemeinsam nach Beute gesucht wird. Zeigt der Mensch Suchverhalten, wird es ihm der Hund sofort nachmachen. Mit richtungsweisenden Gesten wird dem Hund vorgegeben, wo Beute sein könnte. Orientiert sich der Hund am Menschen, wird er auch Erfolg haben und die Beute finden. Durch Nasenarbeit und das damit verbundene Definieren und Auseinanderhalten von verschiedenen Spuren werden die Aufgaben immer anspruchsvoller und das Kontakthalten des Hundes entscheidend gefördert. Kann der Hund die Beute nicht greifen, weil sie entweder zu hoch hängt oder zu schwer ist, wird er dem Menschen seinen Konflikt anzeigen und ihn um Hilfe bitten. Er verweist die Fundstelle und kommuniziert ganz klar, dass der Mensch aktiv werden und ihm helfen soll. Diesen Moment darf der Hundehalter nicht versäumen, denn das Tier nimmt von sich aus Kontakt auf und macht seine Absichten deutlich. Verpasst der Mensch diesen Augenblick, wird der Hund bald nicht mehr fragen. Im Idealfall bellt der Hund, weil er aus einem inneren Antrieb heraus mitteilen will, dass er Beute gefunden hat und nicht, weil es ihm in unzähligen Wiederholungen antrainiert worden ist. Das Verweisen kann jeder Hund zeigen, auch wenn er die Übung noch gar nicht kennt ­ dazu muss er allerdings die Erfahrung gemacht haben, dass sein Mensch ihn auch verstehen kann. Hat die Kommunikation zwischen den beiden über lange Zeit nur schlecht funktioniert, wird der Hund kein Interesse an der Beute haben und lediglich konditionierte Verhaltensmuster zeigen. Kann die Kommunikation aber fliessen, so wie sie der Hund aus seinem Naturell heraus anbietet, wird er auch den Kontakt aufrecht halten. Das hat zur Folge, dass der Hund nicht auf eine einzige Form der Anzeige reduziert werden sollte. Seine Kommunikation wird, abhängig von seiner inneren Gestimmtheit und seinem Erregungszustand, variieren. Wichtig ist einfach, dass der Mensch versteht, dass der Hund etwas mitteilen will. Jeder Hund ist beherrschbar Anton Fichtlmeier äussert in seinen Vorträgen ganz bewusst provokative Ansichten, denn er will den Hundehalter dazu anregen, sich vertieft mit dem Wesen des Hundes auseinanderzusetzen: «Die Verhaltensweisen des Hundes unterliegen ganz simplen Mechanismen, die sehr formkonstant auftreten, die man nicht weg prägen oder weg erziehen, die man aber beherrschbar machen kann. Jeder Hund kann beherrscht werden, weil Hunde so angelegt sind, dass sie überleben und deshalb ernsthafte Auseinandersetzungen vermeiden wollen und sich dadurch auch hemmen lassen. Soziales Miteinander würde sonst nicht funktionieren. Zur Hemmung gehört als auslösendes Element ein Abgrenzen der eigenen Persönlichkeit und auch Unmut bis hin zur Aggressivität. Wer seinen Hund kontrollieren will, muss dessen Wesen verstehen und das Tier in seiner ganzen Persönlichkeit akzeptieren. Kein Hund ist wie der andere ­ nicht einmal innerhalb eines Wurfes sind die Individuen in ihrem Verhalten gleich, glücklicherweise ist das so. Ein Hund schafft augenblicklich Kontakt zum Menschen und hält diesen auch aufrecht, aber nur wenn es uns gelingt, tatsächlich mit ihm «ins Gespräch» zu kommen, anstatt ihn dressieren und ihm ein Verhalten aufzwingen zu wollen, das mit seinen natürlichen Mustern nichts zu tun hat.» Weitere Themenabende Der Vortragsabend mit Anton Fichtlmeier zum Thema «das Kontakthalten des Hundes fördern» fand im bayrischen Schwabniederhofen statt. Organisiert wurde er von Elisabeth Berger, die in Peissenberg eine eigene Hundeschule betreibt und als lizenzierte Trainerin den von Anton Fichtlmeier aufgezeigten Weg des Vertrauens ihren Schülern näher bringt. Weitere Informationen über Termine und Ausbildungsmethoden sind erhältlich bei: Gila Fichtlmeier Bachhauserwies 30 D-82335 Berg Telefon: 0049 8171 27233 Mail: mail@fichtlmeier.de Internet : www.fichtlmeier.de Hundeschule Berger Frau Elisabeth Berger Hörnleweg 1 D-82380 Peissenberg Telefon: 0049 8803 639282 Mail: info@hundeschule-berger.de www.hundeschule-berger.de Nächste Themenabende und Seminare: 20.11.08 Vortrag in D-82335 Berg: «Das Kontakthalten des Hundes fördern». 13.01.09 Vortrag in D-53332 Bornheim: «Das Ausdrucks- und Sozialverhalten der Hunde». 15.01.09 Vortrag in D-52078 Aachen-Brand: «Neue Wege der Jagdhundeausbildung ­ Der Jagdhund im Revier und als Familienhund». 17./18.01.09 Wochenend-Seminar in D-53359 Rheinbach: «Die Leine als Kommunikationshilfe-1». AkteHund Demoversion · 27

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AUSBILDUNG IN DER THEORIE Alexandra Grunow GER, K9-Suchhundezentrum.de: Mantrailing ­ Chancen und Risiken SUCHHUNDE Die Kunst des Trailens Mantrailing und das Risiko, Modetrend zu sein ­ Mantrailing ist in Deutschland im Vergleich zu anderen Suchsystemen noch nicht besonders lange vertreten ­ und keine Suchart ist nach wie vor so umstritten. Die Mantrailer der «Ersten Stunde» sind noch kein Jahrzehnt an der Sache dran. Sie trailen, forschen und entwickeln mit Leib und Seele. Nach dem Prinzip «Trial and Error» investieren sie viel ­ und ernteten bis kürzlich dafür höchstens heftige Kritik. Nachdem die ersten Erfolge (richtungsweisend oder Fund) bei Rettungseinsätzen durch Trailer gemeldet wurden, steigt nun die Zahl der «Mantrailing-Experten» exponential an, die laut eigenen Angaben bereits jahrelang aktiv im Geschäft sein wollen. Lange wurde die Personen-Spürhundearbeit in Deutschland selbst von Fachleuten zerrissen, nun wird sie teilweise als Wunderwerk umjubelt und vor lauter Begeisterung weit in den Himmel gehoben. Einerseits ist somit endlich der Weg geebnet, dieses unbestritten wertvolle Mittel zur Suche von vermissten Personen einzusetzen, andererseits wäre das Mass der Dinge für diese Suchsparte doch sehr wünschenswert. Ein Modetrend zu sein, ist sicherlich kein Vorteil, überzüchtete Rassehunde sind dafür das beste Beispiel. Die Qualität leidet, wenn nicht mehr das grosse Ganze, Vor- und Nachteile im Auge behalten werden. Es ist, wie in allen anderen Bereichen auch, besonders wichtig, einen guten Ausbilder in einer Rettungshundestaffel oder einer Hundeschule mit wirklich langjährigem und fundiertem Wissen aus der Praxis zu finden, wenn man Mantrailing ernsthaft betreiben und nicht nur einem Modetrend folgen möchte. A. GRUNOW / R. LANGKAU Wenn man vom Trailen spricht, ist es notwendig, eine deutliche Unterscheidung vorzunehmen: «Trailen» ist hier als allgemeine Bezeichnung für die Tätigkeit an sich zu verstehen und schliesst auch den Hundesportbereich ein. Der Begriff «Mantrailing» bezieht sich hier rein auf die professionelle Ausübung im Bereich Rettung und die fachmännische Ausbildung von Hund und Hundeführer in einer Rettungshundestaffel, die eine langjährige Erfahrung im Mantrailing aufweist. Thera©Trailing wird von speziell ausgebildeten und geprüften Trainern als Therapie unterstützendes Mittel bei Hunden angewandt, die Probleme wie Unsicherheit, unangebrachte Aggression, etc. aufweisen. Eine professionelle Diagnose zur Abklärung sowie die begleitende Unterstützung durch den Tierarzt ist hierbei unbedingt notwendig. Voraussetzung ist zudem ein fundiertes Wissen über Verhalten und neurobiologische Zusammenhänge in Kombination mit den neuesten Erkenntnissen aus der Lerntheorie des Hundes. Die Expertin: Alexandra Grunow © Sabine Richnow Alexandra Grunow, Journalistin und Hundetrainerin, betreibt in Pürgen bei Landsberg, im Grossraum München, eine eigene Hundeschule, das K-9 Suchhundezentrum. Vor mehr als zehn Jahren wurde sie mit dem «Suchvirus» infiziert und ist bis heute nicht mehr davon losgekommen. Sie liebt und lebt das Trailen. Ihre langjährige Erfahrung im Bereich der Personensuche stellt sie in den Dienst der Rettungshundestaffel «Mantrailer und Rettungshunde Starnberg e.V.» und ist dadurch mit ihren Hunden regelmässig im Ernsteinsatz unterwegs. Weitere Informationen finden Sie unter: www.suchhundezentrum.de www.k9-suchhundezentrum.de www.k-9.de 28 · AkteHund Demoversion Rettungshundestaffel oder Hundeschule? Um mit seinem Hund trailen zu können, muss man sich nicht unbedingt bei einer Rettungshundestaffel bewerben, denn das Trailen ist vielseitig anwend- bar. Für das Mantrailing in der Rettung sind nicht alle Mensch-HundTeams geeignet, da es sehr viel Zeit für Training und Einsätze erfordert und bei allem Positiven Mensch und Hund psychisch und physisch an Grenzen bringen kann. Vor allem ein gutes Training ist logistisch aufwendig, da alte Spuren (zum Beispiel am Tag zuvor) gelegt werden müssen, die gesuchte Person richtig aus dem Versteck ­ und wieder richtig in das Versteck hinein gebracht werden muss, die Suchgebiete optimal variiert werden sollten und sowohl die gesuchte Person, als auch der Trailleger an beiden Tagen Zeit haben müssen. Und das ­ je nach Trainingsphase ­ auch mehrmals in der Woche. Die Grundvoraussetzungen des Teams (für Hundeführer und Hund) sollten ­ soweit möglich ­ bereits im Vorfeld abgeklärt werden. Besteht Interesse an einer Rettungshundeausbildung, muss nicht nur der Hund wesensstark, umweltsicher, gut motivierbar, sozialverträglich, nasenorientiert und gesund sein, sondern auch der Hundeführer muss extrem belastbar, nervenstark und teamfähig sein. Zudem sollten der Partner oder die Familie ebenfalls hinter der Sache stehen, mit allen Konsequenzen ­ wie nächtlicher Einsatzalarm oder Wochenenden, die dem Training gewidmet sind. Möchte man trailen lernen, hat aber nicht das Bestreben oder die Möglichkeit, in einer Rettungshundestaffel aktiv zu sein, bleibt immer noch die Variante des artgerechten Hundesports. Allerdings sollte klar zwischen Mantrailing in der Rettung und Trailen als Hundesport unterschieden werden! Die Mensch-Hund-Teams, bei denen es sich herauskristallisiert, dass sie das Zeug zum Rettungsteam haben, stellen die Ausnahme dar. Dennoch werden in den Hundeschulen oftmals versteckte Talente entdeckt und können soweit gefördert werden, bis sie die nötige Reife für den Antritt an eine Aufnahmeprüfung in die Rettungshundestaffel haben. Wichtig ist sowohl bei den Hundeschulen, als auch bei den Rettungshundestaffeln die Professionalität in der Herangehensweise. Trainer einer Hundeschule, die bis zur Einsatzfähigkeit schulen, sollten selbst aktiv in einer Rettungshundestaffel trailen und über eine mehrjährige Einsatz-

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SUCHHUNDE AUSBILDUNG IN DER THEORIE © Sabine Richnow © Sabine Richnow Besteht Interesse an einer Rettungshundeausbildung, muss nicht nur der Hund wesensstark, umweltsicher und sozialverträglich sein, auch der Hundeführer muss extrem belastbar, nervenstark und teamfähig sein. erfahrung verfügen. Es reicht hierbei absolut nicht aus, einige Seminare besucht zu haben! Seriöse Rettungshundestaffeln lassen ihre Trailer-Teams durch die Polizei überprüfen, bevor sie sich einsatzklar melden. Zudem müssen sich neu geworbene Mantrailer in spe erstmal einem Eignungstest unterziehen. Auf der richtigen Spur Auf die richtige Spur kommt man im Mantrailing vor allem mit der Fähigkeit zur Selbstkritik. Nur wer ehrlich zu sich selbst ist und auch seinen Hund richtig einschätzt, kann konstruktiv an Fehlern arbeiten. Entscheidend ist nicht, ob das Trailen «gut aussah» oder der Hund ohne Umwege schnell angekommen ist, sondern ob der Hundeführer die Aufgabe alleine lösen konnte. Dabei kommt es darauf an, dass er ein gutes Gefühl dabei hatte, seinen Hund lesen und ihn intensiv spüren konnte. Wer den Weg seines Trails kennt, verlässt sich oftmals nicht ausschliesslich auf seinen Vierbeiner und das merkt auch der Hund. Ebenso stellt es ein Risiko dar, wenn der Trainer zu früh eingreift oder an den entscheidenden Punkten stehen bleibt und somit eine Hilfe gibt. Hund und Hundeführer werden «nach hinten» abhängig, orientieren sich in schwierigen Momenten zurück. Das birgt Gefahren für professionelle Rettungshundeführer, die in Ernsteinsätzen auch keine Hilfen von hinten erwarten können. Das «Traillegen» und das «Führen» sind eine Kunst für sich. Nur wer einen guten Trailleger hat, kann auch ein guter Trailer werden. Alles hängt davon ab, ob der Trainer das Gespür für den jeweiligen Hund und seine aktuelle Tagesform hat. Der Trail schult den Hund. Wie die Spur gelegt wurde, mal leichter mal schwerer, mal länger mal kürzer, ist entscheidend für das erfolgreiche Lernen des Hundes. Egal ob Technik-, Motivations- oder Ausdauertraining, für jeden Vierbeiner muss ein spezielles Programm entwickelt werden. So ist auch entscheidend, dass für jeden Hund ein eigener Trail gelegt wird. «Autobahnen» sind tabu. Auch sollte sich der Trailleger genau überlegen, wie und bis wohin er beim Auslegen der zu versteckenden Person mitläuft und wie er wieder zum Ausgangspunkt zurück kommt. All diese Kleinigkeiten registriert die feine Nase des Hundes und birgt Gefahren des späteren Misslingens. halten eines Hundes, wenn er die Spur verliert und die Hautschuppen weniger werden. Manche Hunde beginnen quer zum Weg zu gehen oder den Kopf zu heben, so dass der ganze Hund etwas quadratisch wirkt. Ist er wieder auf der Spur, taucht er die Nase wieder tiefer ein, der Körper wirkt insgesamt langgezogener und flacher, somit rechteckiger. Vielfach ist gerade bei Retriever-Rassen das sogenannte «Passgehen» zu beobachten, wenn sie sich entspannt und sicher auf dem Trail fühlen. Ohrenspiel, Rutenhaltung oder auch das Markieren sind Indizien, die es beim eigenen Hund zu beobachten gilt. Die Körpersprache des Hundeführers Sind nach einiger Zeit die individuellen Verhaltens-Mechanismen des Hundes auf dem Trail bekannt, sollte der Hundeführer lernen, auf diese zügig und flüssig zu reagieren. In dem Augenblick, in dem der Hund durch Das Lesen des Hundes Eine entscheidende Rolle spielt beim Trailen die Fähigkeit, den Hund richtig lesen zu können. Die Körpersprache des Vierbeiners muss für seinen Hundeführer ein offenes Buch sein. Es gibt viele Anzeichen im Ver- Mantrailing Weitere Informationen zu diesem Thema: 1) Dem Menschen auf der Spur AkteHund 04/09, Mai 2009 2) Die Kunst des Trailens AkteHund 05/09, Juni 2009 AkteHund Demoversion · 29

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AUSBILDUNG IN DER THEORIE SUCHHUNDE Eine entscheidende Rolle spielt beim Trailen die Fähigkeit, den Hund richtig lesen zu können. Die Körpersprache des Vierbeiners muss für seinen Hundeführer ein offenes Buch sein. sein Verhalten (beispielsweise «QuerGehen» oder Tempo verlangsamen) anzeigt, dass die Geruchsintensität abnimmt, sollte sich der Hundeführer seitlich drehen, langsamer werden und dem Hund Leinenlänge raus geben. Sperrt er seinem Vierbeiner den Rückweg, indem er auf dem Weg frontal zu ihm stehen bleibt oder den Versuch des Hundes umzudrehen durch gleichbleibendes Tempo ignoriert, kann es sein, dass er ihn in die falsche Richtung weiter treibt. Auch gibt es ein gewisses Schema, das häufig angewandt werden kann, um eine Kreuzung abzuarbeiten. Oftmals zeigt die Nase des Hundes bei Eintritt in die Kreuzung in die Richtung, in welche die Spur auch führt. Dennoch kann es sein, dass der Hund die anderen Richtungen erst abcheckt, um sie auszuschliessen. In diesem Fall sollte sich der Hundeführer günstig positionieren, damit er die Arbeit seines Hundes unterstützt. Der Hundeführer sollte sich bewusst machen, dass er mit seiner eigenen Körpersprache bedacht umgehen muss, um nicht ungewollt zu viel Einfluss auf seinen Hund bei der Suche zu haben. Viele Hunde kommen irgendwann an den Punkt, an dem sie auch in die falsche Richtung laufen, wenn der Hundeführer von hinten nur genügend Druck ausübt. Daher ist es sehr wichtig, sich diese Gefahr vor Augen zu halten und den Hund bei der Arbeit nur zu unterstützen und sie ihm nicht unnötig zu erschweren. Bei aller Vorsicht sollte der Hundeführer dennoch nicht zu zaghaft sein. Eine selbstbewusste Arbeitseinstellung im Sinne von «wir schaffen das», in Kombination mit etwas Leidenschaft für die Sache, ist ebenso wichtig! Der Hundeführer sollte sich bewusst sein, dass er mit seiner eigenen Körpersprache bedacht umgehen muss, um den Hund bei seiner Arbeit zu unterstützen und sie ihm nicht unnötig zu erschweren. 30 · AkteHund Demoversion © Sabine Richnow © Sabine Richnow

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FAMILIENHUNDE AUSBILDUNG IN DER THEORIE Abendvortrag mit Uwe Friedrich, TeamCanin, zum Thema «Das soziale Lernen» in Löffingen GER Was ist Hundeerziehung? Hunde sind eine wundervolle Bereicherung unseres Alltags. Sie sind weder Sportgeräte noch Prestigeobjekte, sondern wichtige Sozialpartner und Familienmitglieder. Als Ziel der heutigen Hundeerziehung sollte angestrebt werden, dass das Tier in möglichst vielen Lebenssituationen dabei sein darf und seinen Besitzer durch das Leben begleitet. Dazu muss ihm gezeigt werden, wie er sich in der Umwelt zu benehmen hat. Hundeerziehung definiert sich über vier hauptsächliche Themenbereiche, die eng ineinander übergehen und in ihrer Gesamtheit das Verhalten des Hundes bestimmen: Soziales Lernen, Auslastung, Hausstandsregeln und formelles Lernen. Hundeerziehung ist ein dynamischer Prozess und findet nicht nur während des Spaziergangs, sondern in jedem Moment des Zusammenseins statt. KITTY SIMIONE Jeder Hundebesitzer ist der Ausbilder seines eigenen Hundes. Es ist für eine erfolgreiche Erziehung des Tieres wichtig, dass der Mensch versteht, was er tut und auch weshalb er es tut. Oft sind es alltägliche Kleinigkeiten, wie das Aussteigen aus dem Auto oder das Ritual vor dem Spaziergang, die in der Erziehung des Hundes eine grosse Rolle spielen. Der Mensch muss den Sinn hinter seinen Handlungen verstehen, damit er auch dem Hund gegenüber verständlich und klar agieren kann. selbst als mit derjenigen des Tieres beschäftigt ist. Und er wird bemerken, dass die soziale Auseinandersetzung mit dem Hund auch seinen eigenen Horizont in unerwartetem Masse erweitert. Die Auslastung Hunde wollen körperlich und auch geistig ausgelastet sein. Dabei ist die Wahl einer sinnvollen und auf den Hund angepassten Beschäftigung sehr entscheidend. Sinnvoll ist eine Beschäftigungsform vor allem dann, wenn der Hundehalter dabei im Fokus des Hundes steht, wenn er auch im Spiel das Wichtigste für seinen Hund bleibt. Gleichzeitig ist die Aktivität so auszusuchen, dass sie auch den körperlichen Fähigkeiten des Menschen entspricht und sie ihm ebenso Spass macht wie seinem Hund. Die Auslastung des Tieres bekommt eine starke soziale Komponente, sobald sich der Mensch in das Spiel einbringt. Gemeinsame Beschäftigung wird zur Teamarbeit, zu einem Zusammenspiel, das die Beziehung stärkt und das gegenseitige Verständnis fördert. Sucharbeit ist für Uwe Friedrich eine der bevorzugten Auslastungs- formen. Der Hund findet sich in seiner Welt wieder und kann seine Bedürfnisse ausleben. Kleine Suchen sind leicht in den täglichen Spaziergang einzubauen und können bereits einen kleinen Welpen begeistern. Einfachste Übung stellen den Menschen ins Zentrum und die Schwierigkeit der Arbeit kann dem Alter und dem Ausbildungsstand des Hundes wunderbar angepasst werden. Als ebenso sinnvoll erachtet der Hundetrainer das Longieren mit dem Hund, das viele soziale Elemente beinhaltet. Durch das Schaffen von Distanz zwischen Mensch und Hund beginnt das Tier vermehrt, auf seine Bezugsperson zu achten. Der Mensch steht wiederum im Zentrum der Aktivität des Hundes, soziales Lernen wird begünstigt und gleichzeitig ist der Hund auch körperlich ausgelastet. Der Mensch braucht in Fragen der Auslastung ein feines Gespür dafür, ob sein Hund tatsächlich noch auf ihn fixiert ist oder ob ein allfälliger Spielgegenstand nicht doch wichtiger für den Hund wird. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise auch Trendsportarten wie das Dog-Frisbee zu hinterfragen. In diesem Sport ist zu beobachten, dass der Fokus vieler Hunde nur noch Soziales Lernen in allen Teilbereichen Sinnvolle Erziehung rückt den Menschen in den Fokus des Tieres, sowohl im häuslichen Bereich als auch draussen. Um das zu erreichen, muss sich der Mensch für den Hund interessant machen, sich aber auch im richtigen Augenblick souverän präsentieren können. Hundeerziehung ist ein soziales Wechselspiel. Dieses soziale Lernen ist das Bindeglied zu den drei anderen Themenbereichen Auslastung, Hausstandsregeln und formelles Lernen. Wer in die Erziehung seines Hundes eintaucht, wird schnell erkennen, dass er mehr mit der Ausbildung seiner Kinder und Hunde sind in der Erziehung auf den sozialen Austausch mit ihrer Bezugsperson angewiesen. Erziehung findet in jedem Moment des Zusammenseins statt, ob bewusst oder unbewusst. AkteHund Demoversion · 31

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AUSBILDUNG IN DER THEORIE FAMILIENHUNDE Spiel ist dann sinnvoll, wenn sich der Mensch in das Geschehen einbringen kann. Er bestimmt den Ablauf und rückt sich dadurch in den Fokus des Hundes. Das Spielzeug wird zur Nebensache. © Thomas Baehr auf diesen fliegenden Objekten liegt. Stereotypes, einstudiertes Verhalten des Hundes sieht zwar spektakulär aus, aber nicht jedem Hund gelingt der Übertrag vom Spiel in den Alltag und er beginnt, anstelle der Frisbees Vögel, Jogger oder Radfahrer zu jagen. Die soziale Komponente kommt eindeutig zu kurz. Der Hund wird nicht erzogen, sondern lediglich dressiert. Eine schöne Form der Auslastung ist dann erreicht, wenn der Mensch seinem Hund Spannung und Unterhaltung bieten und das Spiel in jedem Moment bestimmen kann. Der Hund ist auch kurz vor dem Spielzeug noch abrufbar oder er ist in der Lage, einen Gegenstand erst auf ein Freizeichen zu holen, selbst wenn er dessen Flugbahn beobachten konnte. Das Tier orientiert sich an der Körpersprache des Menschen und lässt sich allein damit dirigieren. Der Experte Die Hausstandsregeln Noch immer halten sich verschiedenste unsinnige Dogmas hartnäckig in den Köpfen vieler Hundebesitzer: «Der Hund bekommt sein Fressen erst, wenn der Mensch fertig gegessen hat, das Liegen auf dem Sofa ist für den Hund absolut tabu und auf keinen Fall darf er vor dem Menschen durch eine Türe gehen.» Hausstandsregeln haben nichts mit diesen scheinbar allgemein gültigen Lehrmeinungen zu tun. Es gibt keine Pauschalen, sondern ganz individuelle, der Beziehung angepasste Strukturen. Ein Hund, der sich zuhause ruhig verhält und draussen keine Auffälligkeiten zeigt, hat bestimmt mehr Freiheiten als derjenige, der den Alltag seines Besitzers mit allerlei unerwünschtem Verhalten erschwert. Leben mehrere Hunde in einem Haushalt, kann es durchaus sein, dass jeder sein eigenes, passendes Regelwerk zu befolgen hat. Der Mensch legt das Geschehen in den © Johanna Esser In Löffingen im Hochschwarzwald betreibt Uwe Friedrich das Hundezentrum TEAMCANIN. Dort bietet er Menschen und Hunden eine individuelle und professionelle Ausbildung an, wobei der Trainingsschwerpunkt auf der Alltagstauglichkeit eines Hundes liegt. Als ehemaliger Diensthundeführer der Polizeibehörde Stuttgart verfügt er auch im Bereich der Arbeit mit Gebrauchshunden und deren Ausbildung über einen grossen Erfahrungsschatz. Weitere Informationen unter: TEAMCANIN Inh. Uwe Friedrich D-79843 Löffingen im Hochschwarzwald Telefon: 0049 (0)7654 806 118 Mail: kontakt@teamcanin.com Internet: www.teamcanin.com 32 · AkteHund Demoversion eigenen vier Wänden fest und besitzt gegenüber dem Hund alle Freiheiten. Ist es umgekehrt und bestimmt der Hund die Koordinaten, muss eine Veränderung stattfinden. Ein Hund, der Zuhause die Geschehnisse bestimmen kann, wird sich auch auf dem Spaziergang nicht an seinem Menschen orientieren. Individuelle Hausstandsregeln definieren sich wiederum über eine starke soziale Komponente: Ein Hund wird in gewissen Situationen weggeschickt und darf nicht in die Nähe des Menschen; läuft er seinem Besitzer ständig nach, wird er in der Wohnung auch einmal angebunden. Ein Hund muss zuhause nicht permanent gestreichelt oder unterhalten werden. Es gibt ein Mass der Zuwendung, das den Hund übersättigt. Er wird die erhaltene Liebe nicht mit gutem Gehorsam danken, sondern sich draussen eher distanziert verhalten und sich nicht freiwillig und freudig annähern. Sinnvoll im heimischen Bereich sind beispielsweise «Deckenübungen». Der Hund lernt, dass er auf ein Signal des Menschen seine Decke aufsucht und dort liegen bleibt, bis er wieder abgeholt wird. Tägliche Wiederholungen dieser Übung machen sie zur Normalität. Eingearbeitet wird sie, wenn keine Ablenkung ersichtlich ist, denn dann wird es auch möglich sein, den Hund auf die Decke zu schicken, wenn der Postbote an der Haustüre klingelt. Diese Arbeit empfiehlt Uwe Friedrich jedem Hundehalter, der das stürmische Temperament des Hundes draussen nicht kontrollieren kann.Auch sollte sie bei Hunden eingeführt werden, die permanent an Menschen hochspringen und durch die Bezugsperson ausgesprochene Tabus nicht akzeptieren. Gerade im häuslichen Bereich findet ganz viel Alltagsleben und damit auch viel Erziehung statt ­ bewusst oder unbewusst. Der Hund beobachtet und erlebt den Menschen ständig. Er studiert und kennt ihn genau.Wenn der Hundebesitzer in der Lage ist, dies zu seinen Gunsten zu nutzen, ist in der Erziehung schon sehr viel erreicht. Das formelle Lernen Das Lernen von Formalien wie «Sitz», «Platz» und «Fuss» setzen noch heute viele Hundehalter mit der Erziehung eines Hundes gleich. Natürlich

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FAMILIENHUNDE Das sichere Ausgeben von Futter gehört zu den wichtigen Elementen, die dem Hund im Bereich des formellen Lernens beigebracht werden. Natürlich birgt auch diese Übung eine hohe soziale Komponente und zeichnet ein interessantes Bild der Beziehung von Mensch und Hund. AUSBILDUNG IN DER THEORIE spielt die Befolgung dieser Signale im Alltag eine wichtige Rolle, doch das formelle Lernen ist nur einer von vier Teilbereichen, welche die Gesamtheit der Beziehung ausmachen. Es ist nicht möglich, einen guten Gehorsam im formellen Bereich zu erzielen, wenn die drei anderen Säulen der Hundeerziehung auf wackligen Beinen stehen. Ein Hund, der im sozialen Bereich keine Grenzen akzeptiert und den Menschen nicht als souveräne Person respektiert, wird auch in der formellen Ausbildung nicht brillieren. Interessant ist die Frage, welche Formalien denn für den Alltag ausreichend sind und warum. Zu den wichtigsten Elementen gehört der sichere Gehorsam des Hundes beim Rückruf durch den Besitzer. Wünschenswert ist auch eine gute Leinenorientierung, bei der es nicht darauf ankommt, dass der Hund rechts oder links geht und ständig zu seinem Besitzer hoch schaut. Viel mehr soll er sich am Menschen orientieren und sich ihm freiwillig anschliessen. Sportliche Elemente gehören nicht in diese Grundausbildung des Familienhundes. Das verlässliche Bleiben am Ort ist in alltäglichen Situationen auch immer wieder eine wertvolle Hilfe. Dabei spielt es für den Hundetrainer keine Rolle, ob der Hund steht, sitzt oder liegt. Er soll aber sicher an derjenigen Stelle bleiben, die ihm durch den Besitzer zugewiesen worden ist. Dies solange, bis er wieder abgeholt wird. Ein sicheres «Aus» sollte zusätzlich erarbeitet werden, damit dem Hund jederzeit ein Gegenstand aus dem Fang genommen werden kann. Damit verbunden ist das Setzen von klaren Tabus, die der Hund zu respektieren hat. Diese wenigen Formalien genügen, um die meisten Lebenssituatio- nen einfach, ruhig und sicher gestalten und der Umwelt den nötigen Respekt entgegen bringen zu können. Formelle Lerninhalte sind dem Hund in möglichst reizarmer Umgebung so beizubringen, dass er sie auch versteht und sicher ausführen kann. Erst dann werden die Situationen durch immer stärkere Einflüsse erschwert. Der Hund darf dabei aber nicht überfordert werden. Dies ist nur dann möglich, wenn der Mensch für ihn immer klar, deutlich und verständlich bleibt. Der Hund soll ihn verstehen dürfen. Theorie und Praxis Hundeerziehung ist in der Theorie somit sehr einfach zu erklären. Dass es in der Praxis immer anders aussieht, weiss jeder Hundehalter aus eigener Erfahrung. Praktisches Training kann nicht einmal durch die beste und verständlichste Theorie ersetzt werden und immer wieder tauchen neue Fragen auf. Wer aber das soziale Wechselspiel einmal durchschaut hat und es für seine eigenen Ziele nutzen kann, wird bald Veränderungen im Verhalten des Hundes feststellen und richtig darauf reagieren können. Der Mensch bestimmt das Geschehen in den eigenen vier Wänden. Bei Hunden, die ihrem Besitzer pausenlos nachlaufen, kann es durchaus sinnvoll sein, sie auch einmal für kurze Zeit in der Wohnung anzubinden. AkteHund Demoversion · 33

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Der Hund im Netz Reservieren Sie Ihr Kleininserat noch heute: www.aktehund.com · aktehund@bluewin.ch · 0041 (0)71 971 34 44. H UNDESCHULEN A USBILDUNG www.kynologie.ch Ihr Partner für kynologische Aus- und Weiterbildung www.hundeerziehungsberater.ch Ausbildung mit Theorie und viel Praxis & SKN M ARKTPLATZ T IERNAHRUNG / H UNDEFUTTER www.hundespiele.ch Denkspiele für den Hund & Kurse www.fullquality.ch Premium Trockenfutter / Wiederverkäufer gesucht